Oswald Müller macht sich einen Spaß - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Oswald Müller macht sich einen Spaß

1932 > Nr. 2/1932

Eine Alt-Annaberger Historie von anno 1526 von Oswald Rathmann

Einen lustigen Mann nennt ihn der Chronist ausdrücklich, den wohlbestallten und allzeit fidelen Oswald Müller, der in der ganzen Stadt nicht einen Feind hatte, weil er es eben verstand, mit einem jeden gut Freund zu sein. Aber wie das schon so ist, Neider erstanden doch, die gönnten es dem Braven nicht, daß er so ausnehmend vom Glück begünstigt wurde. Dem ging aber auch gar nichts schief, wie anderen, nicht minder fleißigen Leuten. Hatte er nicht eine liebe Frau, hübsche, anmutige Töchter, ein stattlich Haus und strotzende Gesundheit? Ja, der konnte da schon allweil fröhlich und guter Dinge sein; der ja. Und wenn er es schon verstand, um sich herum Freude und das Lachen zu verbreiten, was tat das? Gram konnte man ihm nicht sein, aber neiden! So sind die Menschen, etwas haben sie immer auszusetzen und zu bemängeln.

So war es denn auch gar nicht zu verwundern, daß manch einer ein hämisches Gesicht zog, als die Kunde lief, daß dem Oswald Müller die Eheliebste erkrankt sei, und daß das brave Weib wohl das Zeitliche mit der Ewigkeit verwechseln müsse. Ja, warum sollte dem nicht auch einmal das Leid ins Haus kommen, das war nur recht und billig. Freilich, die Frau, die tat ihnen leid, hätte noch manches Jahr auf der schönen Gotteswelt umeinandergehen können. Aber was half es. Wenn es einmal beschlossen im unerforschlichen Rat des Herrn, dann können Menschenklagen nichts mehr daran ändern.

Die Müllerin starb. O, das war ein harter Schlag für den Mann und die Kinder. Aber all diese Schläge sind doch nur da, daß sie überwunden werden. Mannhaft stellte sich der Witwer dagegen, ließ seinen Kummer nur wenig merken, und tat im übrigen, als fände er sich damit ab. Dies verdachten ihm die Bürger sehr. So ein liederlicher Kerl, schimpften sie nun los, kaum liegt das Weib unter der Erde, macht der schon wieder das vergnügteste Gesicht von der Welt. Ei, der kann sich das wohl leisten, der hats ja dazu. Und dann kamen sie wieder auf das Begräbnis zu sprechen, das war einmal ein Ereignis gewesen. Protzen wollte der reiche Oswald nur. So einen Sarg zu kaufen, das war Sünde, große Sünde. Und mußten denn die dummen Mädchen lange Schleier tragen? Das war ganz und gar gegen die althergebrachte Kleiderordnung gefehlt. Man hätte es nicht zulassen dürfen. Fürstenkinder waren sie doch nun einmal nicht. Aber der Müller, der wollte immer etwas ganz besonders Feines vorstellen. Na, da stand demnach noch so allerlei zu erwarten.

Tratsch und Klatsch gingen um das Haus des Witwers. Hinein gelangte davon nichts, dafür stand er ein. Aber den alten Weibern verging dabei sehr angenehm und lehrreich die Zeit; denn von je war es beliebter Sport, über den Nächsten herzuziehen und ihm Schlechtigkeiten anzudichten. Gutes, ach wo, das tat man doch selbst genugsam.

Chronos trieb die Zeit. Die Müllerin lag ein ganzes Jahr unter dem grünen Rasen, war schon fast vergessen, von den Fernstehenden wenigstens, da lebte das Gerede um sie wieder auf. Denn, mag es einer glauben oder nicht, der Müller, so hieß es, hatte beschlossen, wieder zu heiraten. Ach, die Schande, diese Schmach, das hätte die Frau noch erleben sollen, sprachen einige sehr geistreich. Und was das aller Beredenswerteste war, nicht nur er, auch seine beiden hübschen Mädchen wollten in den Stand der Ehe treten. Der lustige Mann gab wieder dankbaren Gesprächsstoff in der Stadt.

Bald hatten denn auch Ueberneugierige herausbekommen, wer die Auserwählte sei, und müßig zu sagen, festgestellt, daß ausgerechnet diese Jungfer eine ganz und gar Schlechte war. Aber das ließ sich ja denken, wer wird sich an so einen hängen? Jede hätte es gern getan, bald er es nur gewollt hätte, aber das gaben sie nicht zu.

Im Hause Oswald Müllers rüstete man zum bevorstehenden Feste. Drei Paare auf einen Schlag, das war wieder eine Sensation. Und sicher ließ es sich der lustige Mann nicht nehmen, abermals etwas anzustellen, was Aufsehen erregen würde. So rätselten die Bürger, und hatten so unrecht damit nicht. Denn Müller war in der Tat befleißigt, diese Festlichkeit so lustig und auffallend als möglich zu gestalten.

(Schluß folgt.)
Turmbläser auf St. Annen.
Turmbläser auf St. Annen
Zur Weihnachtszeit erfreute die Lindengarten-Kapelle vom Turme der St. Annenkirche die Einwohnerschaft mit Chorälen und Weihnachtsliedern.
(Photo: Hermann-Annaberg.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 2, 10. Januar 1932, S. 1

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