Wann ist das Posamentengewerbe nach Annaberg gekommen? - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Wann ist das Posamentengewerbe nach Annaberg gekommen?

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts verlor die "Wilde Ecke" — wie damals das Obererzgebirge hieß — viel von der Unheimlichkeit und Verlassenheit, der sie ihren Namen verdankte. Es war noch eine wilde Gegend mit undurchdringlichen Wäldern, kahlen Basaltkegeln und nur hie und da zerstreuten Siedlungen. Wenige Wege ermöglichten Verbindung navh dem Niederland und über den Kamm nach Böhmen. Über die Silberfunde lockten und ließen die vielen Gefahren geringer erscheinen; war doch die Aussicht auf großen und plötzlichen Reichtum vorhanden. Geyersdorf, Kleinrückerswalde und Frohnau mit seinem alten Hammer bestanden schon als feste Siedlungen. Die erschlossenen Gruben vermochten nicht alle zugezogenen Bergleute aufzunehmen; viele schürften an allen möglichen Stellen, um auf eigene Hand ihr Glück zu finden. Neben Reichtum herrschte bittere Armut; so die Erzählung von Daniel Knappe, dem armen Bergmann, dem in seiner bittersten Not im Traum ein Engel den Weg zu rechten Adern gewiesen haben soll.

1496.

Ums Jahr 1485 etwa begann die Verehrung der heiligen Anna als Schutzherrin des Bergbaus — und des Reichtums. Herzog Georg der Bärtige von Sachsen erkannte die günstgen Umstände. Hatte er doch im Lande seines Bruders (Vaters) Albrecht das beste Beispiel am Aufblühen Schneebergs mit seinen Silbergruben. Er beschloß die Gründung einer Stadt. Man suchte den geeigneten Platz aus, und am 21. September 1496 zogen des Herzogs Beamte mit einem Pflug den Umriß der Stadt, wo wenig Jahre später eine feste Stadtmauer entsteht. Straßen und Plätze wurden festgelegt. Als Namen erbat Herzog Georg "St. Annaberg" zu Ehren der Schutzherrin des Bergbaus; Kaiser Maximilian verlieh ihn 1501 zugleich mit dem bekannten Stadtwappen.

Die bei Gründung der Stadt befahrenen Gruben gaben in der Tat reiche Ausbeute, aber man stieß auch weiter auf neue ergiebige Silberadern. Dadurch blühte die neue Stadt sehr rasch auf. Neben Bergleuten war ein ebenso starker Zustrom von allem möglichen Volk; von Handwerkern, Abenteurern und Glücksrittern, auch von Mönchen wird berichtet. Es herrschte sehr bald Reichtum und Wohlleben in der Stadt. Und wir dürfen wohl mit Recht annehmen, daß unter den zugezogenen Handwerkern, die der Kunde des sagenhaften Reichtums folgten, auch Bortenwirker und Knopfmacher gewesen sind. Dieses sonst in gar nicht allzuvielen Städten Deutschlands bekannte Gewerbe setzte sich an Orten fest, wo sich durch Hofhaltung, durch die Kirche, durch reichen Handel oder durch Bodenschätze Pracht und Luxus entfalten konnten; denn die mit schweren und kostbaren Borten und Schnuren verzierten Gewänder trug nicht der einfache Bürgersmann, sondern der reiche Fundgrübner, der Bergherr, der Prälat und der Handelsherr. Auch der berüchtigte Ablaßprediger Tetzel, der durchaus nicht planlos die Lande durchzog, wählte für seine Tätigkeit Orte, wo Reichtum vorhanden und wo das Geld locker saß; und er ist 1508 bis 1510 und ein zweites Mal 1517 in Annaberg gewesen.

1531.

Aus dem Jahre 1531 ist ein Brief aus Mitteldeutschland an eine Zwickauer Bürgersfrau erhalten, in dem sie beauftragt wird, "seidene Schnur" zu besorgen, aber mit dem ausdrücklichen Hinweis, daß es "Annaberger Ware" sein müsse, weil die anderwärts hergestellten nicht so gut in Qualität seien. Also muß um diese Zeit Bortenwirkerei und Schnurdreherei schon einen Namen gehabt haben.

1558.

Ums Jahr 1558 wird erstmalig vom Aufenthalt schottischer Händler in Annabergs Mauern berichtet. Diese Schotten, die nur in einigen Gegenden Deutschlands auftraten, müssen ebenfalls auf die Kunde von Annabergs guter Ware hergekommen sein. Sie kümmerten sich nicht um den Bergbau, sondern kauften Posamenten; sie hießen ja auch die "Bortenschotten". Wir dürfen danach wohl annehmen, daß bald nach Gründung der Stadt das Gewerbe der Bortenwirker und Posamentierer einen Umfang angenommen hatte, der über den Rahmen eines Handwerks hinausgegangen ist, das nur die Bedürfnisse der eigenen Stadt befriedigt.

1561.

Der Bortenhandel befand sich in Händen der Frauen, und zwar zumeist von Frauen der Bergherren und Beamten. Auch die Witwe des reichen Bergherrn Uttmann, Barbara Uttmann, besaß einen ausgedehnten Bortenhandel, den sie vermutlich schon zu Lebzeiten ihres Mannes begonnen hatte. Ein Ersatz für Ausfälle am Ertrag der Gruben kann diese Erwerbstätigkeit nicht gewesen sein; denn damals flossen die Einnahmen aus den Bergwerken noch reichlich. Als Barbara Uttmann 1561 durch eine Frau aus Brabant von der Kunst des Spitzenklöppelns erfuhr, fügte sich die Verwertung dieser neuen Kunst recht gut in den Rahmen ihres Bortenhandels ein.

Wir dürfen mit Recht annehmen, daß die Spitzenklöppelei sich im Schoße eines blühenden Posamentengewerbes entwickelte. 1571 wird berichtet, daß in der Bortenwirkerei ebensoviele beschäftigt seien, wie im Bergbau. Und dem oben entwickelten Gedanken folgend, wird das Posamentiergewerbe in den Zeiten am meisten geblüht haben, in denen der Bergbau die meiste Ausbeute gab. Als der Bergbau nachließ, fehlten auch Abnehmer für die wertvollen Erzeugnisse, und wie ein großer Teil der Bergleute, wurden auch viele Bortenwirker brotlos. Ein Handeln nach auswärts — außer durch die Bortenschotten — war kaum möglich, weil die Zunftgesetze mittlerweile Fesseln in jeder Hinsicht anlegten. Es ist vielleicht gerade in den schlechtesten Jahren ein Verdienst der Schotten gewesen, daß sie sich um keine Zunftschranken kümmerten und nach wie vor Borten und nun auch Klöppelspitzen aufkauften.

Das große Verdienst Barbara Uttman bleibt es, der Bevölkerung des ganzen Erzgebirges über die schlechte Zeit geholfen zu haben. Die Borten und Schnuren, die zuerst von Männern und Frauen hergestellt wurden, durften nach den Zunftvorschriften später nur noch von Männern gefertigt werden. Die Männer wurden brotlos, und Frauen und Mädchen saßen ebenfalls beschäftigungslos zu Hause. Das Spitzenklöppeln war an keine Zunft, an keine Innung gebunden, die schotten aber kauften jede Menge auf.

Barbara Uttmann richtete eine Art Klöppelschule ein und ließ die Frauen und Mädchen, die durch die frühere Tätigkeit des Bortenwirkens durchaus nicht ungeschickt waren, das Spitzenklöppeln erlernen. Diese Kunst hat nie im entferntesten solche Reichtümer abgeworfen wie der Bergbau aber sie hat einer in Not geratenen Bevölkerung über die schwersten Zeiten hinweggeholfen, sie hat eine Brücke zu bauen gewußt über den Abgrund, den siech die Bortenwirker durch ihre Zunftschranken selbst gegraben — denn möglicherweise wäre mit dem ersten Niedergange des Bergbaus auch das Posamentiergewerbe gänzlich lahmgelegt worden, wäre nicht die Spitzenklöppeli zu Hilfe gekommen.

Und endlich gebührt Barbara Uttmann das Verdienst, den Grundstock eines Gewerbefleißes in einer Bevölkerung gelegt zu haben, der sich durch die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Horst Diersch.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 34, 20. August 1933, S. 4

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