Physikalisches vom Weihnachtsbaum. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Physikalisches vom Weihnachtsbaum.

Ist es nicht etwas ernüchternd, unseren lieben Weihnachtsbaum mit einer so kalten und exakten Wissenschaft, wie es die Physik ist, in Zusammenhang bringen zu wollen? Aber unsere Zeit will nun einmal alles wissenschaftlich erklärt und bestätigt stehen und so wird sich schon mancher den Kopf zerbrochen haben, wie es physikalisch zu verstehen ist, daß Fichtennadeln, mit Feuer in Verbindung gebracht, die Flamme beinahe zum Erlöschen bringen, daß die Nadeln knistern und prusten, und daß sich dann ein würziger Geruch im ganzen Zimmer verbreitet. Diese Erscheinung hat folgende physikalische Erlärung:

"Die Fichtennadel ist ein festes Gebilde, dessen ringsum beinahe gleichstarke Wandung aus innig zusammengewachsenen verholzten Festigungszellen in einfacher oder mehrfacher Schichtung besteht. Das saftige Gewebe der Nadel liegt fest eingeschlossen im Innern. Bringt man die Nadel in eine Flamme, so verbrennen die dicken, holzigen Zellagen der Wandung nur sehr langsam. Infolgedessen beginnt die kleine allseitig erhitzte Wassermenge in den Zellen des Innengewebes zu sieden, gerade so, wie Wasser in einem zusammengebogenen Kartenblatt eher kocht, als das Kartenblatt durchgebrannt ist. Alles Wasser wird im Nu zu Dampf und ein großer Ueberdruck entsteht, der schließlich größer wird, als die Festigkeit des Wandungsgewebes es zu ertragen vermag. Die Wandung reißt an einer winzigen Stelle mit einem leichten Knall und der Dampf dringt sofort mit Gewalt in einem feinen Strahl heraus. Da Wasserdampf nicht brennt, ergibt sich ohne weiteres, daß die Explosion keine Stichflamme liefert. Man sieht dann, daß ein großer Abstand zwischen Nadel und Flamme besteht, daß also von der erhitzten Nadel lediglich ein heftiger Wind entlassen wird, der die Flamme ähnlich einer Lötrohrflamme stark zur Seite bläst. Daraus folgt zugleich, daß nicht etwa ein brennbares ätherisches Oel oder gar das Harz die Explosionen verursacht; Oel und Harz mögen dabei beteiligt sein, aber auf keinen Fall so, daß sie dabei als verflüchtigte Gase heraustreten, oder sogar als explosive Gemische brennend hervorschießen. Bei keinem anderen Blatte ist eine kleine Wassermenge so fest umschlossen, daß sie der Hitze auf einmal so ausgesetzt ist, wie bei der Nadel. Darum explodieren die gewöhnlichen Blätter nicht, wenn sie mit der Flamme in Berührung kommen. Trockene, also wasserfreie Nadeln zeigen die Erscheinungen ebenfalls nicht; sie brennen gleich lichterloh. Taucht man einen trockenen Tannenzweig ins Wasser und ermöglicht ihm so, sein Gewebe wieder zu füllen, so bietet er uns nach kurzer Zeit wieder dasselbe Schauspiel des Explodierens wie ein frischer.
—h—


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 52, 26. Dezember 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 52, 26. Dezember 1926, S. 2

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