Eine Reise nach Annaberg um 1600. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Eine Reise nach Annaberg um 1600.

Mitgeteilt von Johannes Sehm, Dresden.

Am 29. April 1600 unternahm ein Freiberger Einwohner, er bezeichnet sich nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens J. K., eine Reise von Freiberg nach Annaberg. Hier besuchte er insbesondere die St. Annenkirche, und über das, was er gesehen und was ihm der Kirchner Kaspar Voidt erzählt hatte, machte er Aufzeichnungen zur besseren Bewahrung der Erinnerung.

Eine Reise von Freiberg nach Annaberg war auch vor reichlich 300 Jahren nichts ganz Ungewöhnliches mehr. Immerhin war sie im Leben eines Einzelnen ein weit bemerkenswerteres Ereignis, als in unserer heutigen verkehrsreichen Zeit. Auch wir machen uns heute gerne Aufzeichnungen über Reiseerlebnisse. Doch sind uns solche älteren Niederschriften ganz besonders wertvoll, weil sie erstens nicht so häufig sind und weil sie uns zweitens einen Eindruck vermitteln von dem, was damals in der Bevölkerung als besonders bemerkens- und sehenswert lebendig gesprochen und gezeigt wurde. Aus der Zeit 1592/1604 besitzen wir zwar die wertvolle lateinische Chronik des damaligen Rektors der Annaberger Lateinschule Paulus Jenisius, die uns reichen Geschichtsstoff und manches aus Aktenurkunden sonst nicht zu gewinnende Kulturbild vermittelt, die Aufzeichnungen des Freiberger Einwohners sind aber, wenn freilich auch gegenüber einer solchen Chronik im Umfang sehr bescheiden, nicht zu verachten, da der Besucher die Stadt vor dem großen Brande von 1604 kennen lernte und Eindrücke gewann, die in der Bevölkerung noch nicht durch dieses Ereignis und den bald darauf folgenden 30jährigen Krieg verwischt waren.

Wir geben nachstehend die Aufzeichnungen des J. K. aus Freiberg nach der Originalhandschrift 278 Hist. Q. der Univ.-Bibl. Halle — zur besseren Lesbarkeit in neueres Hochdeutsch übertragen — wieder und fügen in Klammern jeweils einige Bemerkungen an. "S. Annen Kirchtür hat bei einer Tonnen Goldes gekost als sie ist erstlich erbauet worden Anno 1512. Ist anfänglich auswendig an der Tür gestanden und Ao. 1599 inwendig gemacht worden, welches ich J. K. Ao. 1600 den 29. Aprilis selbsten gesehen. (Gemeint ist die "Schöne Tür", welche einst das Tor an der Südseite der Kirche des Franziskanerklosters bildete. 38 Jahre nach der Auflösung des Annaberger Klosters, im Jahre 1577, wurde sie dort entfernt und in der St. Annenkirche aufgestellt.)

1512 sind 102 Mönche aufn Annaberg eingewiesen worden. Anno 1539, als Herzog Georg gestorben, sind sie wiederumb vertrieben worden, sind aber von den 102 nicht mehr als 9 noch vorhanden gewesen, welche nach Eger gezogen. Appendix: Als sie die Bergbuben vexiret, mit Kot auf sie geworfen, haben sie gesagt: "Ihr lieben Söhne, werfet nicht also auf uns, ihr möchtet euere Väter auch mit treffen." (Eine bezeichnende Anekdote auch für Annaberg für den Sittenverfall unter den Mönchen zur Reformationszeit! Das Annaberger Kloster war 1512 von Herzog Georg gegründet worden. Mit der Einführung der Reformation hier im Jahre 1539 wurde es aufgelöst und die Gebäude fielen später den Stadtbränden zum Opfer.)

Sonsten hat ein ehrbarer Rat alle Weiberstühle in der Kirche einen wie den anderen bauen lassen an Höhe und Länge; sind auch diesmal noch willens gewesen, malen zu lassen.

Anno 1600 habe ich ein Stuflein Erz beim Receßschreiber gesehen, welches 126 Mark ghalten. (Eine Mark war rund ein halbes Pfund heutigen Gewichts. Eine Stufe enthielt also 63 Pfund Erz, doch wohl Silber.)

Lorenz Pflugk ist so reich gewesen, daß er vermeinet, wenn er einen Tag fort nacheinander Taler zum Fenster hinausgeworfen, könnte er nicht arm werden. Sein Sohn aber, Wolff Pflugk, Herzog Heinrichs Pate, hat nach des Vaters Tode sein Geld bald durchgesetzt, daß er arm worden, sich hernach mit Prakticen nähren wollen, auch so übel gehandelt, daß er hat sollen gehangen werden; wenn nicht Herzog Heinrich sein Pate hätte losgergeben, so hätte er hangen müssen. (Lorenz Pflugk, auch Pflogk geschrieben, soll 1502 nach Annaberg gekommen sein. Die Sage berichtet, daß, als ihm seine Gemahlin nach kurzer Zeit folgte, es ihr, als sie etwas über das Dorf Frohnau hinaus war, vorgekommen sei, als wenn die Erde in dieser Gegend erschüttert werde. Nicht lange darauf legte ihr Mann an diesem Ort ein Bergwerk an, welches sehr reiche Ausbeute gab. Aus Dankbarkeit ließ er mitten im Dorfe Frohnau eine Kapelle mit kostbarem Altar erbauen. — Die im Jahre 1515 zu bauen angefangene Kapelle wurde 1520 vom Abte zu Grünhayn eingeweiht und mit dem Namen St. Fabian Sebastian belegt. 1585 kam sie außer Gebrauch und brannte wenige Jahre darauf ab.)

Kirch Dach. 450 ct. Kupfer ist aufs Dach gedecket worden, nach Besage Caspar Voidt, des Kirchners. (Die erste Kupferbedachung hatte der Kupferschmied Meister Sebald Waldsteiner von 1514 an in drei Jahren mit 200 Zentnern Kupfer ausgeführt. Das Kupfer hatte der hochverdiente, bestellte Bauherr der Kirche, Bürgermeister usw., Jobst Freytag aus Krakau in Polen herbeigeholt. Bereits in den ersten Jahren zeigten sich Schäden an der kupfernen Dachung, welche durchgreifende Erneuerungen nötig machten.)

Die Kirche hat 12 große steinerne Pfeiler wie bei uns die Pfeiler sind. (Die Kirche hat im ganzen 27 Pfeiler; 15 Pfeiler sind an die Innenseiten der Umfassungsmauern angebaut, 12 Pfeiler sind freistehend.)

In der Kirche stehet ein Kruzifix, dem kann man die Arme nieder lassen, daß man ihn kann ins Grab legen. (Vielleicht war dies eins der beiden Kruzifixe, die aus dem Franziskanerkloster stammten. Das eine bildet jetzt die Bekrönung eines Triumphbalkens, das andere kleinere wurde mit einem Bilde Luthers zu einem Tabernakel vereinigt, welches sich an einem Pfeiler gegenüber der Kanzel befindet.)

Die Annaberger Kirche ist hundert und elf Ellen lang vom hintern Altar bis zur Tür, 48 Ellen weit, 36 Ellen hoch. (Die Ausmaße der Kirche in Metern sind: Länge 65 Meter, Breite 27 Meter, Höhe 22 Meter.)

In die 500 Tröge stehen auf der Kirchen und etliche Wannen. Wenn es regnet, so muß der Türmer untersetzen und in die Wannen gießen. (Ob es dieser Feuerschutzmaßnahmen zu danken ist, daß bei dem Brande am 27. April 1604 nicht die ganze Kirche ein Raub der Flammen wurde? In der Hauptsache wurde damals die Bedachung, der Turm und die Orgel und das Gestühl auf den Emporen vernichtet.)

1496 ist der Anfang der Stadt St. Annaberg gemacht worden. 1499 am Tage Matthiae ist der Anfang der Kirchen gemacht worden. 1526 ist sie verbracht und vollendet, daß also 27 Jahr daran gebauet worden. (Der Grundstein zum Kirchenbau wurde am Tage St. Marci, den 25. April 1499, in Gegenwart Herzog Georgs, sowie der Herzöge Heinrich und Friedrich durch Johann, Bischof von Meißen, und den Annaberger Pfarrer D. Philipp Pfennig gelegt. Der 1908 wieder aufgefundene Grundstein ist im Mauerwerk am oberen Kirchplatz zu sehen. die Kirche wurde 1525 vollendet, wie das Spruchband auf dem 21. Relief der Emporbrüstungen, nach den Darstellungen der Lebensalter, mitteilt.)

Die Mauer aufm Kirchturme ist 2 Klafter dick. (Die Turmmauern sind unten 4,75 Meter, über der Erde 3,75 Meter dick.)

St. Annaberg hat vor weitem geheißen der Schreckenberg, wie denn auch noch alda eine Zeche zu befinden, die der Schreckenberg heißt. (Annaberg erhielt Name und Wappen bekanntlich erst im Jahre 1501 durch Kaiser Maximilian. Die genauere Oertlichkeit der ersten Zeche "Schreckenberg", der "Alten Fundgrube", im Dorfe Frohnau ist heute leider nicht mehr bekannt oder bergamtlich rißkundig.)

Um die Stadt herum liegen drei Berge im Triangel, als der 1. ist der Schreckenberg, der 2. der Bernstein (Bärenstein) der 3. der Bielberg.

Das Holz auf der Kirchen ist abgebunden wie ein Kruzifix, wie unsere Kirche alhier zu S. Peter in Freyberg unten in der Kirche wie ein Kruzifix gebauet ist.

Anno Domini 1511 ist die große Glocke auf S. Annaberg gegossen und St. Anna genannt worden. Die Bürger und reichen Leute haben viel Joachimischer Thaler drein geworfen, die noch ganz und unversehen zu sehen ist, außen an der Glocke um und um stecken solche alte Taler, und hat die große Glocke 90 Zentner. (Die Glocke soll nach anderen Angaben 70 Zentner gewogen haben und war von Oswald und Martin Hilliger aus Freiberg in einer Hütte bei der Kirche gegossen worden. Bemerkenswert ist der Ausdruck "Joachimische Thaler" für die Herkunft des Wortes Taler. Man stritt sich einst, ob die Bezeichnung von "Joachimsthaler" oder dem lateinischen "talentum" abzuleiten sei.)

Die 2. Glocke ist Anno 1515 gegossen worden und hat 52 Zentner und ist Scholastica genannt worden. (Diese beiden größeren und die anderen Glocken der Kirche mußten nach dem Brande im Jahre 1604 neu- bezw. umgegossen werden.)

Aus der Herzog Georgin Brautrocke ist ein Meßgewand gemacht worden von einem goldenen Stück, welches täglich in der Kirche an hohen Festen gebraucht wird. 10 Meßgewänder haben sie in der Kirche. 4 goldene Stücke. Kelche 4 große und 3 kleine, der größte hat 5 Mark und 6 Lot. Anno 1580 ist ein schön Tuch aufn Altar gemacht worden, daran stehet mit Einzelbuchstaben  D. B. J. C. D. S. G. E. V. S. E. V. E. E. Z. E.  Amen. Das Blut Jesu Christi. Bartel Jenisch Hüttenreuter und Ratsfreund, hat ein goldenes Stück von einem Meßgewande in die Kirche verehrt von ungarischer Arbeit. (Dieser Kirchenornat, soweit er in Textilerzeugnissen bestand, ist mit der Zeit unbrauchbar geworden und durch vielfache neue Schenkungen immer wieder ersetzt worden.)

An einer Tür für eine Sakristei in der Kirche /: denn es hat zwei Sakristeien :/ sind 10 Haken, die sich gegeneinander schließen, wenn man nicht die Riegel mit einem Schräubchen anzieht, so kann sie kein Mensch aufschließen, wenn man auch schon die Schlüssel hat. Es kann sie kein Schlosser mit keinem Ditteriche aufmachen. Und sind 66 silberne Götzen in derselbigen Sakristei gewesen; an dem Herrn Christo haben ihrer wohl 10 zu tragen genugsam gehabt, ohne was die Maria, die Mutter des Herrn, gehabt hat. (In der Zeit vor der Reformation waren der Kirche von allen Seiten Zuwendungen an Reliquien und Kostbarkeiten gemacht worden. Bei Inventarisationen 1526 und 1540 wurden die Schätze mit 1036 Mark, gleich 513 Pfund, gewogen. Hauptsächlich waren es silberne Bildnisse; ungewogen waren noch silberne Apostelfiguren und eine ganze Menge Wachs- und sonstige Bilder vorhanden gewesen. Herzog Heinrich hat diesen Silberschatz von sicher auch kunsthistorischem Werte bedauerlicherweise einschmelzen und als Münzen in die Welt gehen lassen.)

In der jetzigen Sakristei hats auch zwei Riegel, die sich gegeneinander auf und zu tun, und kann sie kein Mensch aufschließen, man stecke denn zuvor eine Schraube so in die Tür durch ein Löchlein und ziehe die Tür an sich, alsdann kann man sie mit einem Schlüssel aufschließen. Und ist ein Gewölbe in der Sakristei unter den Dielen für Feuersnot, welches keiner leichtlich finden wird.

Matz Eckstein hat die Decke über den Predigtstuhl gemacht und der Herren Stühle von 26 Ständen, welche gar schön und hübsch sind. Hat gesagt, er wolle die Orgel auch zu einem Gedächtnis auf seine Unkosten renovieren. (Die Decke über der Kanzel hat der Tischler Matthäus Eckstein 1526 in seinen Lehrjahren gemacht. 1688 wurde sie durch eine neue ersetzt.)

"So viel von Caspar Voidten selbsten gehort, vnde auffgezeichnet, Anno et die vt supra.", endete der Bericht, welchem ein Nachtrag folgt, welchen wir in der alten Orthographie wiedergeben, um auch die Schreibweise unseres Berichterstatters zu zeigen: "Anno Domini 1604 den 27. Aprilis, das ist der freytag für Jubilate, Ist die Schöne, wolerbawete vndt weitberumbte Berckstadt S. Annabergk gantz kleglichen vndt Erbermlichen in die Asche gelegt, vnd zu grunde ausgebrunnen, bis auf 3 kleine heuser, die 3 altar, predigstul vnd kirchen stule sindt stehen blieben, die Orgel vnd stule auf der Borkirchen sind verbrand vndt zerschmoltzen." Hier bricht der sichtlich von schwacher Hand gemachte Nachtrag ab.
Ansicht von Herold.
Ansicht von Herold.
(Photo: Pfarrer Jentsch-Herold.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 24, 11. Juni 1933, S. 1

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