Der alte Ritterturm zu Tannenberg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der alte Ritterturm zu Tannenberg.

(Schluß.)

Von Kadi.

Die Zwecklosigkeit, an dieser ungünstigen Stelle eine neue Burg aufzuführen, einsehend, begnügt sich der damalige Besitzer mit dem Aufbau der Wirtschaftsgebäude, und für die zerstörte Kapelle errichtete man oberhalb des Edelhofes ein Gotteshaus, dessen Dienst ein Kaplan aus dem benachbarten Geyer vorläufig versah.
Tannenberg, Passklausenturm
Der alte Ritterturm.
Die Aufnahme zeigt, wie störend der Leitungsmast wirkt.
(Photo Mehlhorn-Geyer.)
Das Bild des alten Turmes steht wieder vor unseren Augen. Wir wissen, daß der nebenanstehende sogenannte Gemeindehof, jetzt im Besitze der Gemeinde, bis 1910 die Wirtschaftsgebäude des Tannenberger Rittergutes bildete und daß im Laufe der verflossenen Jahrhunderte verschiedene Geschlechter Besitzer desselben gewesen sind. Mithin hat auch der Turm bei einem Besitzerwechsel jedesmal den neuen Besitzer als seinen Herrn anerkennen müssen. Es würde zu weit führen, wollten wir die reiche Geschichte des Rittergutes Tannenberg hier niederlegen. Soweit sie aber den Turm betrifft, muß sie der Vollständigkeit halber wiedergegeben werden.

Da der Turm durch seine Enge und geringe Ausnutzungsmöglichkeit keinerlei wirtschaftlichen Vorteil bot, hat man ihm keine Pflege im Laufe der Jahrhunderte angedeihen lassen. Der Einlauf zum unterirdischen Gang wurde zugeschüttet und bei einem Ausbau der Rittergutswirtschaftsgebäude sogar der Teich zu einem Fünftel mit Erde aufgefüllt. Damit konnte man ohne Laufsteg oder Kahn ohne weiteres zum Turm.

Zweifellos hat der Turm vorher ein richtiges Dach, sowie auch eine Brüstung gehabt. Alles ist verfallen. Rücksichtslose Hände haben dann das den Turm umrankende Immergrün und den herrlichen Efeustock durchhackt. Die Ranken dieser Stöcke, verwelkt und verdorrt, klammern sich noch heute an das alte Gemäuer an, gleichsam als furchtbare Anklage gegen die Missetäter.

Wie wenig Schutz der Turm auch seitens der Behörden genossen hat, mag man daraus ersehen, daß 1910 die Gemeindevertretung zu Tannenberg ausgerechnet direkt vor dem Turm einen eisernen Mast der Überlandzentrale Schwarzenberg setzen ließ. Die Bemühungen des jetzigen Gemeinderats seit Kriegsende, den Turm von dem Mast zu befreien und letzterem einen anderen Standort zu geben, scheiterten leider an der ablehnenden Haltung des obengenannten Werkes. Man begründete dies mit der technischen Unmöglichkeit der Umänderung. Wir glauben, daß die Abstellung dieses Mißstandes für den Techniker gar nicht allzuschwer sein dürfte.

Als 1910 die Gemeinde von dem damaligen Rittergutsbesitzer die Wirtschaftsgebäude, sowie 1 ha daran angrenzendes unbebautes Gelände erwarb, ging der Turm in das Eigentum der Gemeinde über. Damit erwachte in der Allgemeinheit mehr Interesse für den Turm. Es konnte aber so mancher Fehler, ja Frevel, wie wir eben gesehen haben, nicht aufgehalten werden. Man versündigte sich weiter an dem Turme. Er konnte auch der Gemeinde nichts einbringen, ja man ahnte, daß er vielleicht noch einmal ein Zuschußobjekt werden könnte. Was lag da näher, als daß ein geschäftsgewandter Gemeindevertreter zu Beginn des Jahres 1912 den Antrag stellte, den alten Turm abzubrechen und das Grundstück, welches entschieden das wertvollste in der Gemeinde mit bildet, zu verkaufen. Trotz vielen Widerspruchs wurde der Antrag unterstützt und seinerzeit mit 8 gegen 3 Stimmen angenommen. Als diesen Beschluß die Öffentlichkeit durch die Zeitungen erfuhr, regten sich die Stimmen der Freunde des Turmes. Im T. A. W. fanden wir folgenden Warnungsschrei:

"Schade! Ein altergrauter Zeuge aus vormittelalterlicher Zeit, efeuumrankt, trotzend dem Zahne der Zeit, spottend menschlichen Angriffen mit Hacke und Fäustel, die einzige Legitimation der Geschichte einer Gemeinde, für welche auch im Staatsarchive historische Unterlagen nicht vorhanden sind (siehe Lungwitz, Rittergut Tannenberg), ein Charakteristikum für alle Ansichtsbilder gedachten Ortes, — der Tannenberger Rittergutsturm — mit Wallgraben und umliegendem Grundstück soll verkauft werden. Die finanzielle Lage der Gemeinde erheischt Ausnutzung sämtlicher Teile des ehemaligen Rittergutes. Soll es so weit kommen? — Heimatpflege! — Heimatschutz!"

Der Vertrauensmann der Kommission zur Erhaltung der Bau- und Kunstdenkmäler, Oberlehrer Emil Finck in Annaberg, wandte sich beschwerdeführend am diese Kommission mit dem Erfolg, daß der Verkauf des alten Turmes und jede Änderung des gegenwärtigen Zustandes an dem Turme und seiner unmittelbaren Umgebung ohne ausdrückliche Genehmigung der Amtshauptmannschaft Wissenschafts wegen untersagt wurde. Aus einem beigefügten Aktenheft sollte der Gemeinderat ersehen, wie ein Beschluß, dieses alte Wahrzeichen Tannenberger Geschichte zu veräußern, in der Öffentlichkeit be- und verurteilt wurde. Gleichzeitig erwartete die Amtshauptmannschaft, daß der Gemeinderat freiwillig den bereits gefaßten Beschluß wieder aufgeben werde. In der folgenden Sitzung wurde der unheilvolle Beschluß wieder aufgehoben.

Auch die jüngsten Kriegs- und die schweren Nachkriegsjahre sind an unserem Turme vorübergerauscht. Er hörte vom nahen Turme das Siegesgeläute und Trauerglocken, wenn man in der Heimat eine Gedächtnisfeier für die auf dem Felde der Ehre Gebliebenen veranstaltete. Er mußte es mit ansehen, als Anfang des Jahres 1918 zwei Kirchenglocken, die die Kirchgemeindevertretung unter allen Umständen erhalten wollte, doch noch ihre Wohnung im Kirchturme verlassen mußten.

Auf den Turm aufmerksam wurde man erst wieder, als im Frühjahr 1925 eine Notiz durch die Blätter ging, daß die in der Turmkrone angeflogenen Vogelbeersträucher dieser ganz erheblichen Schaden zugefügt hätten und daß sich wegen Erhaltung der Turmkrone und der Aufbringung der nötigen Mittel die Gemeindeverwaltung an den sächsischen Heimatschutz, sowie an das Ladesamt für Denkmalspflege gewandt hat. Jedem Einsichtigen ist klar, daß bald etwas für den alten lieben Turm getan werden muß. Der Erzgebirgszweigverein Tannenberg bildete einen Turmausschuß, welcher auf die Erhaltung des Turmes, Beseitigung der Übelstände und Beratung über Mittelbeschaffung bedacht sein soll. Das von der Gemeindebehörde gewünschte Gutachten des Landesvereins sächsischer Heimatschutz ist dieser Ende August 1926 zugegangen und nun heißt es für die Gemeinde: "Frisch auf zur at, erhalte dir das älteste Bauwerk dieses Ortes!" — Das Strauchwerk auf dem Turme muß entfernt und die oberen Steine, sowie der ganze Turm mit Zement ausgefugt werden, um so noch viele Jahrhunderte dem Zahne der Zeit trotzen zu können.

Von besonderem Interesse dürfte sein, daß der Landesverein sächsischer Heimatschutz vor nunmehr 20 Jahren von unserem Turme eine Künstlerpostkarte in Verkehr brachte. Auch in so mancher Tannenberger Familie dürfte noch ein Bild über das frühere Aussehen des Turmes vorhanden sein. Das interessanteste Bild dürfte dasjenige im Besitze der Gemeinde Tannenberg sein, welches uns durch das Entgegenkommen des jetzigen Bürgermeisters Dietze gezeigt wurde.

Da die Gemeinde ein erklärliches Interesse an diesem alten vormittelalterlichen Bauwerk hat, hat sie den Geschichtsforscher des sächsischen Heimatschutzes, Oberstudienrat Dr. Eduard Schmidt in Dresden beauftragt, zu versuchen, in alten Chroniken und Archiven über die Geschichte des Turmes nachzuforschen. Die älteste bis jetzt aufgefundene Urkunde über den Turm fanden wir in "Sachsens Volkssagen" von Pastor Ziehnert, der in Schlettau Pfarrer war. Auch in Dr. Gieses "Sagenschatz des Königreichs Sachsen" erfreut sich der Turm einer liebevollen Abhandlung.

Wenn die Absicht von der Restaurierung des Turmes usw. in die Tat umgesetzt werden sollte, so wäre der Zweck dieser Zeilen, das Interesse an dem guten altersgrauen Siegfried in Tannenberg nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern, voll erreicht.

Geschichts- und Altertumsfreunde werden hierbei die Gemeinde Tannenberg nach Kräften unterstützen. Der Lohn liegt in der guten Tat und wird als besonderer Dank in nicht allzuferner Zeit in diesen Blättern "Sage und Geschichte des Rittergutes Tannenberg" durch eine berufene Feder geschildert werden.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 3 v. 23. Januar 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 3, 23. Januar 1927, S. 1

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