Das Rosinenhäuschen bei Tellerhäuser. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Rosinenhäuschen bei Tellerhäuser.

Von Franz Reuß


Das Rosinenhäuschen bei Tellerhäuser steht links an der von Tellerhäuser über den Fichtelbergrücken nach Gottesgab bezw. Oberwiesenthal führenden Fahrstraße, hart am Waldesrand an der Stelle, wo die Straße den Knick macht, ehe sie energischer ansteigt. Das Rosinenhäuschen ist ein Borkenhäuschen, nach der Straße zu offen, mit einer Sitzbank im Innern, nach Art eines Zufluchtsortes für Wanderer.

Seine Entstehung wird in nachstehendem Gedicht nach mündlicher Tellerhäuser Überlieferung erzählt.

"Kind, lauf übern Berg ins Städtchen,
Zum Stollen braucht Mutter noch Rosinen;
Du weißt: hinterm Markt das Lädchen — —
Hier leg' ich noch Eier ins Körbel hinein,
Die können drüben der Base dienen!"
Die Kleine freut sich: "Das ist ja fein!"
Zur Base geht sie gern, und morgen — Stollen!
So trippeln die Füßchen Tritt für Tritt,
Den Wald hinauf, die Schneise lang,
Und im Körbel die Eier bei jedem Schritt
Kollern lustig mit.
Wie sie immerfort rollen!
Wenn nur keines zerbricht! Ihr wird fast bang —
Am Wege liegen gefällte Tannen.
Sie bricht sich Sprossen, dazwischen niedlich versteckt
Die Eier, mit Ästchen zugedeckt!
So bringt sie sie heil von dannen. —

Nach Mittag läuft sie munter zurück;
Die Eier freuten die Base, wie war sie nett!
Und Rosinen im Körbel zum Stollen, o Glück!
Eine große graue Tüte voll!
Wenn morgen die Sonne ihr scheint ins Bett,
Ist der Stollen da! Wie er munden soll!

Ach, die Rosinen! die kleinen, schwarzen, süßen Beeren!
Ob mans merkte, wenn sie ein paar
Gleich kostete; obs gleich viel weniger wären?
Ach, nur ein paar!
Und sie langt ins Körbel. Ei, das schmeckt!

Scheu sieht sie sich um, denn es knackt im Wald.
Was war das?
Sie fährt zusammen erschreckt.
Da! Wie eines grauen Bartes Wehen?!
Zwischen den Stämmen da meint sie zu sehen
So was wie eine zottige Ungestalt.
Das Körbel entfällt ihr; verstreut am Grund —
Die Rosinen alle im Moos.
Wie ein Waldschrat hat was gelacht,
Der die Kleine noch neckt,
Und nun ists stumm.
Aber die Kleine steht zitternd und fassungslos.
Ganz sinnlos gemacht
Möchte in tollem Entsetzen sie rennen
Hinaus aus dem Schrecken, hinaus aus dem Wald!
Da sieht sie die Beeren um sich herum;
Ihre Augen weit offen starren und brennen,
Es überläuft sie heiß und kalt,
Doch wie die Angst sie auch würgt und quält,
Sie muß sich bücken und emsiglich
Eins nach dem anderen die Beerlein lesen,
Mit Wimmern und Stöhnen,
Bis alle die Kügelchen säuberlich
Im Körbel liegen und keines fehlt,
Bis auf die paar, die so süß gewesen
Just vor des schrecklichen Lachens Dröhnen.

Waldleute haben, wo sich's  zugetragen,
Das "Rosinenhäuschen" aufgeschlagen.


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 49 v. 5. Dezember 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 49, 5. Dezember 1926, S. 5

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