Die Sauerschen Dragoner am Annaberger Galgenberg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Sauerschen Dragoner am Annaberger Galgenberg.

1929 > 1929-07

Im bayrischen Erbfolgekrieg hatte in den Tagen vom 10. bis 14. September 1778 besonders das obere Erzgebirge zu leiden, indem Abteilungen der Kaiserlichen zu wiederholten Malen die Grenze überschritten, um zu plündern und Kontributionen an Geld und Nahrungsmitteln einzutreiben. Schwer heimgesucht wurden die Orte Bärenstein, Königswalde sowie die Stadt Annaberg. Wie es letzterer erging, davon soll im nachstehenden erzählt werden.

Es war am 10. September 1778, als eben vom Annaberger Kirchturm der Fünfuhrschlag verklungen war und die Bergleute sich anschickten, zur Frühschicht zu gehen, als weit draußen vor der Stadt von Süden her eine große Anzahl Reiter näherkamen. Auf der alten Poststraße, die man heute noch als Feldweg zwischen dem Königswalder Marktsteig und dem Flößgraben, parallel mit letzterem gehend, verfolgen kann, kam das Unheil heran. Gefürchtete Sauer'sche Dragoner waren es und Kroaten, die unter dem Befehl des berüchtigten Oberwachtmeisters Oreskowitz standen. Man hatte in Bärenstein und Königswalde bereits übel gehaust, und da man nicht so viel Geld aus beiden Orten hatte erpressen könen, als man brauchte, so war kurzerhand Oreskowitz mit seiner Abteilung nach der als reich bekannten Stadt am Pöhlberg in der Nacht aufgebrochen, während Hauptmann Casimir im Pöhlatal blieb.

Indem sich nun allmählich der helle Schein von Osten her mehr und mehr vergrößert hatte, hatten die Reiter die Gegend der heutigen Schießhausstraße erreicht, wo das Restaurant „Schützenheim“ steht. An der Brücke über den Flößgraben machte man Halt, ließ die Pferde aus dem 1564 bis 1566 erbauten Kunstwasser saufen und an den noch nicht abgeernteten Haferfeldern sich gütlich tun.

Alsdann ritten die Dragoner und Kroaten bis an den Galgenberg heran, wo das Hochgerüst stand. Inzwischen hatte das spähende Auge des Türmers von St. Annen erkannt, was da draußen vor sich ging, und durch einen Boten den Rat von der drohenden Gefahr verständigt. So war man in der Stadt vorbereitet und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte auch gar nicht lange, so zogen etwa 150 dieser Reiter, während sich die anderen am Galgenberg lagerten, durch das Böhmische Tor die Große Kirchgasse hinab nach dem Marktplatz und vor das Rathaus. Dort verlangten sie von der Stadt 50.000 Taler Kontribution und 2000 Taler Douceur. Die Offiziere forderten außerdem 6 Stück holländisches Tuch, einige Faß Bier und Lebensmittel.

Durch das Geschrei und Pferdegetrappel in der Morgenfrühe waren viele Bürger munter geworden, und viele eilten nach dem Markt, um zu sehen, was es gäbe. Diese Neugierigen waren wie immer die Dummen; denn während die Führer der Truppenabteilung mit dem Magistrat verhandelten, hatten sich die Soldaten in die umliegenden Straßen verstreut. Wo sie eine Haustür offen fanden, drangen sie ein und raubten, was nur mitzunehmen war. Waren die Männer nicht im Haus, so wurden die Frauen arg mißhandelt, wenn sie nicht bereitwilligst alles ablieferten, was man verlangte. Vielfach wurden die Türen und Fensterläden mit der Axt aufgeschlagen. Einem Kürschner in der Buchholzer Straße wurden alle Waren und sämtliche Wäsche geraubt. In der Superintendentur sprengten die Plünderer die Haustüre auf, drangen in die Studierstube ein und nahmen dem Superintendenten Glöckner, einem Greis von 80 Jahren, die Uhr und die silberne Tabaksdose.

Da die von der Stadt verlangte Brandschatzung nicht beschafft, sondern nur 2000 Gulden Douceur und eine große Anzahl seidene Halstücher auf Abschlag gegeben werden konnten, so wurden der seit 7 Jahren im Amt befindliche Bürgermeister und Akzisinspektor Johann Christoph Wex, der an der Wolkensteiner Straße wohnte, sowie der Kaufmann Johann Christoph Stech von der Großen Kirchgasse (Besitzer des Stechgutes) von den Sauer'schen Dragonern als Geiseln mitgenommen. Mit der gesamten Beute zog man alsdann wieder hinaus ins Kriegslager am Galgenberg, von wo man jedoch bald aufbrach und nach dem Zollhaus an der Straße von Annaberg nach Bärenstein (dem Gasthof „Königslust“ gegenüber, später dem Posamentenfabrikant Paul Reuther gehörig) zurückritt. Von dort aus wurden die Streif- und Raubzüge 4 Tage lang fortgesetzt.

Am 14. September des bösen Jahres 1778 tauchte wiederum am Galgenberg eine Rotte von etwa 30 solchen Dragonern auf. Die Hälfte von ihnen begab sich nach dem Rathaus und verlangte 1000 Dukaten. Man konnte ihnen nur 107 auf Abschlag geben, wozu sie Zucker, Kaffee, Tabak usw. erpreßten. Doch um 4 Uhr nachmittags kam Ordre von Oreskowitz, daß Annaberg sofort den Rest der verlangten Summe zahlen müsse. Außerdem wurden verlangt eine goldene Uhr, mehrere Dutzend silberne Bestecke, 60 Ellen Leinwand, 18 Ellen Tuch und seidene Taschentücher. Schwere Angst ergriff die Stadt. In größter Eile brachte man 215 Dukaten zusammen und schickte diese nebst je einem Ballen Leinwand und Tuch, sowie Taschentüchern durch eine Deputation in das Hauptlager am obenerwähnten Zollhaus. Inzwischen war aber bereits eine neue Ordre ergangen. Diese lautete:

„Stadt Annaberg hat sogleich nach Empfang dessen bei ansnst zu befahren habender peinlicher Exekution nachstehendes auf das Zollhaus zu liefern: 4000 Rationen Hafer, 4000 Rationen Heu, 20 Faß Bier, 50 Kannen Branntwein, 50 Kannen Butter, 500 Stück Ziegenkäse, 20 Pfund Knastertabak, 20 Pfund Schnupftabak, 20 Stück ordinäres weißes Tuch, 10 Stück feine Leinwand, 4000 Rationen Brot, 6 Stück Ochsen, 30 Schöpse, 10 Schock Bundstroh, 50 Flaschen Rotwein, 12 Flaschen Rosoly und 50 Pfund Lichte. (gez.) Oreskowitz.“

Diese Forderung aufzubringen, war für die Stadt einfach unmöglich. Um den Feind zu beschwichtigen, schickte man vorläufig 200 Portionen Brot, 2 Faß Bier, 2 Schöpse, 13 Pfund Knastertabak und 6 Pfund Schnupftabak, sowie einen großen holländischen Käse auf einem Wagen ins Lager. Viele Bewohner flüchteten aus der Stadt.

Am 15. September früh 6 Uhr kamen die abgesandten Bürger mit dem beladenen Wagen zurück und meldeten, daß das Lager am Zollhaus geräumt sei. Auf Befehl des Generals Sauer hatte man sich nach Preßnitz zurückgezogen. Die Geiseln Wex und Stech hatte man mitgenommen, ebenso den Ortsrichter Lehmann aus Bärenstein. Diese wurden auf Leiterwagen über Prag und Preßburg nach Ofen (Budapest) transportiert. Erst am 5. Februar 1779 konnten diese Männer nach ihrer Auslösung in die Heimat zurückkehren.


Nr. 7  v. 17. Februar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 7, 17. Februar 1929, S. 1

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