Die Schatzgräberin von Königswalde. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Schatzgräberin von Königswalde.

1927 > Nr. 11/1927
Nach dem Prozeßbericht des T. A. W. vom Jahre 1860 frei erzählt von Tees.
Mit zeitgenössischen Bildern aus dem Altertums-Museum Annaberg. — (Fortsetzung.)
Der Schatz im Garten der Wasserbäuerin in Wiesa
Der "Schatz" im Garten der Wasserbäuerin in Wiesa.
Beschwörung des Erdgeistes durch das Dukatenopfer.
II.
1.

Eine böse Novembernacht.

Pfeifend zauste der Sturmwind die Wipfel der Bäume und zwang sie hohnlachend zu so tiefen Verbeugungen vor seiner selbstherrlichen Majestät, daß ihr unwilliges, zähneknirschendes Murren fast schon wie Haßgeheul knarrte. Vom Pöhlberg her, dessen Umrisse gänzlich untergetaucht waren in die schwarze Undurchdringlichkeit dieser wilden Nacht, jagten Regen- und Schneegeschwader in prasselndem Ungetüm herüber, als gälte es, noch heute das Dorf Königswalde zu einem See zu machen. Auf der Dorfstraße wars ihnen fast schon gelungen. Zu Gräben waren die Wagengeleise geworden und der Boden glich einem Morast.

In tiefer Finsternis lag das Dorf. Selbst das Wirtshaus, vor dem sonst immer die hohen Planenwagen der Fuhrleute standen und aus dessen qualmiger Gaststube meistens bierlautes Stimmengewirr bis auf die Straße erscholl, war wie ausgestorben. Wenn auch die Erzgebirger als wetterharter Menschenschlag bekannt sind, freiwillig verließ in dieser pechschwarzen, brausenden Finsternis keiner die warme Stube. Da blieb es seit jeher das Beste, man legte sich in die Klappe. Kommt Zeit, kommt Rat und wer schläft, sündigt nicht.

Nur in einem Hause verlöschten in dieser Nacht die Lichter nicht. Das war in dem großen Gebäude, das der reiche Hangbauer (so genannt, weil ihm am Pöhlberghang ein großes Stück Ackerland gehörte) mit den Seinen bewohnte. Seit acht Tagen ging alles auf Zehenspitzen in dem Hause. So lange schon rang die Bäuerin mit dem Tode.

Grabesstill war es in der Schlafkammer, wo sie lag. Nur ab und zu ließ ein gequälter Seufzer der Kranken ihre Angehörigen, die reihum mit kummervollen Mienen saßen, schreckhaft zusammenfahren. Tiefe Schatten malte ihnen der flackernde Lichterschein in die fahlen Gesichter. Unruhig warf sich die Kranke in ihren Fieberträumen hin und her.

In diese angstvolle Stille rieselte plötzlich ein leises Gemurmel.

"Und heute morgen hat doch der Doktor noch gemeint, daß die Krisis vorbei wär."

Flüsternd raunte es die alte Großmutter dem Bauer zu und wischte sich mit dem runzeligen Handrücken die schweren Kummertropfen von den Augen.

"Hab nur keine Angst, Mutter, es wird schon besser werden mit ihr, der Doktor verspricht nichts umsonst, das ist keiner von den Großsprechern. Und dann, unser Herrgott ist auch noch da, der hilft gewiß."

"Meinst du aber nicht" entgegnete es ihm leise aus gepreßtem Herzen, "daß wir lieber mal die Friederike herholen? Die steht doch mit den Heiligen im Bunde und hat überirdische Kräfte. Ja, ja, bestimmt! Und vielen hat sie schon geholfen, das fromme Mädchen, und die Krankheit genommen mit ihren zauberischen Kräutern."

Davon wollte der Bauer nun gar nichts wissen. Er meinte, das Frauenzimmer stehle dem Herrgott bloß den lieben Tag weg. Aber dann gab er doch endlich den immer dringlicher werdenden Bitten seiner alten Mutter nach. Hanna und Albert, seine beiden Kinder, beide in einem Alter, das sie den bitteren Ernst dieser Stunde zu ihrem Glück noch nicht voll erfassen ließ, sollten die Friederike herbeirufen. Mit einem hastigen und befreiten Aufatmen machten sie sich auf den Weg, in die tosende Sturmnacht.

Die Zeit verrann.

Die Kranke war ruhiger geworden. Ihre regelmäßigen Atemzüge hatten die fiebrigen Träume in die Flucht geschlagen und die wilden Schwärme ihrer irrenden Gedanken in das freundliche Gehege eines besänftigenden Schlummers geleitet. Auch die Fieberglut war aus ihrem Gesicht gewichen. Mit heimlicher Freude sah es der Bauer.

"Siehst du, der Doktor hat doch recht gehabt."

"Abwarten, abwarten," mahnte die Großmutter, "wie schnell kommt ein Rückfall."

"Der kommt hier nicht," entgegnete der Bauer fest und verscheuchte durch betonte Selbstsicherheit die Nagetiere fremder Zweifel von den gesunden Wurzeln seiner Glaubenskraft. "Ich kenn' meine Frau zu gut, sie schafft's mit Hilfe von dem dort oben. Da bedarfs keiner Friederike."

Als hätte der Klang ihres Namens sie herbeigezaubert, stand das Mädchen in diesem Augenblick in der Krankenstube. Behutsam schlossen die Kinder die Tür.

Friederike kramte mit geschäftigen Händen aus dem Gewirr der Decken und Tücher, die sie sich zum Schutze vor der Nässe umgehängt hatte, ein besticktes Leinenbeutelchen und ein Kruzifix hervor und näherte sich damit dem Krankenlager.

Davor kniete sie nieder und während wie damals in der Wohnung ihrer Mutter wiederum der magische Zwang ihres Geisterschlafes sie umfing, murmelte sie aus unbewegtem halbgeöffnetem Mund unverständliche Worte. Dann strich sie mit ihrer erstarrten eiskalten Hand der Kranken über die Augen, und legte ihr die heilkräftigen Kräuter, die sie dem Leinenbeutelchen entnahm, unter seltsamen Beschwörungsformeln auf die Stirn. Endlich verharrte sie, das Kruzifix steil gegen die Bettstatt reckend, eine bange Weile in inbrünnstigem Gebet.

Mißtrauisch hatte der Bauer jede ihrer Bewegungen verfolgt, endlich hielt er seine Gegenwart für überflüssig und wandte sich zur Tür.

Das Schnappen des Schlosses brachte Friederikes in Zauberfernen weilenden Geist in die Bezirke ihres Bewußtseins zurück.

"ER, der da herrschet über Leben und Tod, hat mein Flehen erhört. ER öffnet der Gesundenden aufs neue das himmlische Tor zu lichtvollem Pfad. Sie wird leben." So murmelte das Mädchen feierlich der alten Großmutter zu und ergriff im Aufstehen ihre Hand.

"Vergelt dirs Gott, Friederike," schluchzte die bewegt, "bist halt ein gottgeweihtes Mädchen." — Dann nestelte sie an ihrer Tasche und drückte ihr ein Silberstück in die Hand. "Wirst hungrig sein, Friederike, komm, ich will dir was zu essen geben."

Sie verließen die Stube und in der Küche hatte das Mädchen Gelegenheit, die Strapazen ihres regennassen Weges, ebenso wie die keineswegs geringeren ihrer überirdischen Heilkünste auf reale Weise mit derbem Bauernbrot und Schinken abzugelten. Auf das leise Betreiben der Großmutter schenkte ihr schließlich noch der Bauer, wiewohl mit süßsaurem Gesicht, einen Silbertaler. Bis zur Hoftür begleitete er sie. Darauf war sein erster Weg ins Krankenzimmer.

Seine Frau lag in ruhigem Genesungsschlummer da. Friederikes Heilkräuter waren ihr von der Stirn geglitten. Der Bauer nahm sie zwischen zwei Finger und hielt sie gegen das Licht. Dann warf er sie auf den Boden und zertrat sie ärgerlich. "Die und Heilkräuter," schimpfte er mit gedämpfter Stimme, "Heu, ganz gewöhnliches nasses Heu ist es. Ohne den Doktor hätte die noch lange ihre Fisimatenten machen können und es hätte gar nichts geholfen. Die falsche Hexe!"

Ein Urteil, mit welchem der Bauer in weitem Umkreise ohne Zweifel allein dastand.

2.

Kaum hatte Friederike nach Verlassen des Bauernhauses ein paar Dutzend Schritte durch die zu Seen ausgezerrten Pfützen der Dorfstraße zurückgelegt, als sie unversehens über ein schwarzes Etwas stolperte und heftig erschrak, als das Ungewisse sich plötzlich zu bewegen anfing. Mit einem entsetzten Ausruf wollte sie beiseite springen, als sie ein vertrauter Laut plötzlich innehalten ließ.

"Na, aber was hast du denn Friedel," sagte das Etwas mit einer seltsam ruhigen tiefen Stimme, "'s wird dir doch vor mir nicht gruseln, ich bins doch, der Joseph!"

"Gott, der Joseph!" rief Friederike in fassungsloser Verwunderung aus und preßte die Hände auf das vom ersten Erschrecken her wie jagend pochende Herz. "Der Joseph", wiederholte sie zögernd, aber es klang schon vertrauter, "ja, wie kommst denn du hier in diesem Unwetter nach Königswalde und in den Straßengraben?"

"Ich hab auf dich gewartet," brummte der Mann  still vergnügt und rappelte sich allmählich ganz auf die Füße. "Deine Mutter sagte mir, daß du bei dem reichen Hangbauer wärst, um seine Frau und dich gesund zu machen! Hahahaha," lachte er auf einmal schallend los, Gefolgschaft für seine vergnügte Stimmung über den guten Witz heißend, "hahaha, deine Mutter ist aber eine ulkige Frau, die sagt gesund machen und meint Silbertaler!"

Friederike biß sich ärgerlich auf die Lippen. Joseph kam ihr heute so sonderbar vor und sie haßte solche leichtfertigen Gespräche. Sie kannte ihn, den Tischler aus Hermannsdorf, zwar seit ihrer frühestest Jugend und hatte ihm, was sie keineswegs bestritt, gewiß viel zu verdanken. Denn er war es gewesen, der weite Kreise auf ihre geheimnisvollen Geisterschläfe hingewiesen und so aus mancher sicherlich sonst nicht freigebigen Bauern- und Handwerkerfaust manchen harten Taler in ihre Geldkatze gezaubert hatte, indem er geschickt auf die prickelnde gruselige Neugierde der Schaulustigen spekulierte. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Heute entglitt das Gefühl einer gewissen Dankbarkeit aus ihrem Herzen und machte einer instiktiven Feindseligkeit Platz.

Der Böhme war nahe an sie herangetreten. Jetzt beugte er sich zu ihr hinab und während sein ungepflegter Vollbart ihre Wange kitzelte, was sie mit einer unwilligen Handbewegung abwehrte, flüsterte er ihr ins Ohr: "Ich hab nämlich eine Botschaft für dich, eine feine Botschaft, Friedel!"

Als sein atem sie streifte, hatte sie sich unwillkürlich mit einem widerwilligen Naserümpfen abgewandt und jetzt sagte sie sehr scharf: "Du hast wieder getrunken, schäm dich was, du lasterhafter Mensch!"

Friederike kannte ihre Gewalt über den ihr hemmungslos ergebenen Tischler, der ihre heiligen Kräfte in frommer Scheu verehrte, aber diesmal schien die gläubige Seele Josephs in den Banden einer noch stärkeren Macht zu liegen, gegen die die ihre machtlos war. Sie nahm es mit abweisendem Staunen wahr. Es war ja offensichtlich, aus ihm sprach der Alkohol. Mit plötzlichem Entschluß wandte sie sich zum Gehen. Doch der Tischler folgte ihr.

Wie zur Bekräftigung ihrer Ansicht polterte er jetzt los: "So, getrunken soll ich haben. Hahaha, du merkst auch alles. Ja, mein Täubchen, heute Nacht ist's auch nicht gut, ohne einen Bissen im Magen im kalten Graben zu sitzen. Da braucht man innere Erwärmung. In solchem Falle ist Trinken weiß Gott keine Sünde!"

Und damit griff er in die Brusttasche seiner verschlissenen und verregneten Joppe und holte eine weitbäuchige Flasche von ganz respektablem Format heraus.

"Du gestattest schon, mein kleiner Liebling, aber ich hab auch eine zu feine Botschaft für dich." Und er nahm einen herzhaften Schluck, der ihm sichtlich wohltat.

"Wird schon was Rechtes sein, deine Botschaft," bohrte Friederike geschickt den Quell des Mitteilungsdranges an, den sie bei dem Betrunkenen richtig voraussetzte. Keinesfalls aber durfte er auf den Gedanken kommen, daß ihr irgend etwas an seinem Geheimnis gelegen sei, denn dann würde er erst recht trunkenläppisch und verstockt sein.

"Meinst du, ich hätte den Weg hierher bei diesem Hundewetter zum Spaße gemacht," ereiferte er sich in redseliger Wichtigtuerei, "damit du's nur weißt, zu der Witwe, der Wasserbäuerin in Wiesa, sollst du kommen, wenn möglich, morgen schon, und bei ihr dort deine Schläfe abhalten. Sie brennt darauf, dich zu sehen. — Na, ist das vielleicht keine feine Botschaft?"

Ein befriedigtes Lächeln huschte über Friederikes Gesicht, kühl aber erwiderte sie: "Das hättest du mir auch nächste Woche noch sagen können; so lange hätte das ruhig Zeit gehabt."

"Was," schrie da der Tischler mit verzerrtem Gesicht und voll wachsenden Grimmes über eine solche böswillige Verkennung seiner gewiß guten Absichten auf, "ist das der Lohn dafür, daß ich mir heute deinetwegen bald den Tod geholt hab!"

"Deine Schuld, hab ich dich etwa geheißen?" entgegnete sie geschäftsmäßig.

Da packte ihn  die wilde Wut. Blitzschnell hatte er die Schnapsflasche hervorgeholt und schwang sie mit grausamer Entschlossenheit über ihrem Haupt. Die schwere Gefahr vor Augen, duckte sich das Mädchen unwillkürlich. Aber plötzlich sank der betrunkene Mensch in sich zusammen, wurde ein Häufchen wimmernden Elends und mit bebenden Fingern ihre Knie umfassend, stammelte er: "Friedel, einen Kuß gib mir, Kind, Heilige, einen einzigen Kuß, dann wird ja alles wieder gut werden." Und fassungslos schluchzte er, sein Gesicht an ihre Kleider pressend.

Das Mädchen aber hatte, als sie mit einem flüchtigen Blick gegen den blaß dämmernden Morgen gewahrte, daß sie sich knapp dreißig Meter von ihrem Hause befanden, ihre alte Sicherheit wiedergefunden. Zudem kam plötzlich ihre Geistermacht über sie, ihr Blick wurde starr.

Mit bedeutungsvollem Ernst befahl sie dem Knieenden im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit aufzustehen und den Heimweg anzutreten. Dann ging sie mit feierlichen Schritten ihrem Hause zu und verschwand darin.

Mit verstörtem Gesicht blickte ihr der Tischler aus erloschenen Augen nach. Dann bekreuzigte er sich und wagte sich schüchtern unter ihr erleuchtetes Fenster.

Plötzlich wurde von dort eben ein Eimer mit Wasser ausgeschüttet, der ihn über und über vollends durchnäßte. Das Licht verlöschte. Und eine reine Mädchenstimme sang halblaut, mit heiliger Scheu, ein frommes Lied.

Da ließ sich der arme Tischler schwer auf den Boden fallen, zog den Kopf zwischen die aufgestemmten Knie und weinte wie ein Kind.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 11 v. 20. März 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 11, 20. März 1927, S. 1

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