Die Schatzgräberin von Königswalde. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Schatzgräberin von Königswalde.

1927 > Nr. 12/1927
Nach dem Prozeßbericht des T. A. W. vom Jahre 1860 frei erzählt von Tees.
Mit zeitgenössischen Bildern aus dem Altertums-Museum Annaberg. — (Fortsetzung und Schluß.)
Die "Schatzhebung" in Königswalde
Die "Schatzhebung" in Königswalde.
Friederike zaubert "Gold" aus der Erde. Der Königsluster Gutsbesitzer beruhigt sein Pferd durch 3 Vaterunser, auch der Tischler Joseph (im Vordergrund) verharrt im Gebet.
III.
1.

Zwei Jahre waren seitdem vergangen. Man schrieb das Jahr 1856.

Wie ein Lauffeuer hatte sich nach den ersten Heilversuchen Friederikes die Kunde von ihrer Kunst herumgesprochen. Die Erzählungen der Witwe aus ihrem Hause, die seinerzeit die geisterhafte Darstellung der Kreuzigung Christi in Friederikes Wohnung mit erleben durfte, die überschwenglichen Berichte der alten Mutter des Hangbauern und nicht zuletzt die geheimnisvollen, aber deshalb um so wirksameren Andeutungen des Tischlers Joseph gaben dem schwelenden Brande der umlaufenden Gerüchte immer neue Nahrung.

Friederike lief man das Haus ein. Da wollte der ein Pflästerchen für sein krankes Bein, dieser einen von ihren Lippen geweihten Spruch für sein von bösen Geistern behextes Vieh, jener ein Kräutlein gegen schleichendes Ungemach. Des Volkes hatte sich eine taumelige Sehnsucht nach dem Zaubersprüchen Friederikes bemächtigt, von deren überirdischer Heilkraft alt und jung, Männer und Frauen im Innersten überzeugt waren.

Mit Ausnahme eines Mannes: des Hangbauern.

Der wischte nach wie vor alle, auch noch so dringlichen Ueberzeugungsversuche seiner alten Mutter, die Stein und Bein auf Friederike schwor, mit einer abwehrenden Bewegung seiner schweren Arbeitshand beiseite. "Dummes Zeug", sagte er und spuckte den Tabakssaft auf den Boden, daß es spritzte. Es war ihm nicht beizukommen, dem harten Bauernschädel.

Friederike fühlte instinktiv die Verachtung, die der Hangbauer für ihr gottgewolltes Treiben hegte, aber mit dem in bangen Geisterschläfen erkämpften Gefühl, die Märtyrerin einer heiligen Sache zu sein, beschwichtigte sie ihren aufsteigenden Groll und wich dem Hangbauer aus, wo sie nur konnte. Mehr als je seit dem Tage, wo ihr dieser und kein anderer, wie sie behauptete, eine Verurteilung durch das Gericht in Annaberg, eben wegen ihrer Heilkünste eingebrockt hatte. Sie hatte da eine Geldstrafe zahlen müssen, die sie aber materiell wenig oder gar nicht traf, denn ihr Vertrautenkreis rechnete es sich zur Ehre an, die — an und für sich geringe — Summe durch freiwillige Spenden aufzubringen. Den Löwenanteil davon hatte die Wasserbäuerin in Wiesa übernommen aus Dankbarkeit für die Weihe, die ihrem Hause durch die häufige Gegenwart der frommen Friederike widerfuhr.

Im übrigen aber war gerade durch diese gerichtliche Bestrafung Friederikes Stellung als verehrungswürdiges, tugendsames Geisterwesen in den Gemütern ihrer überzeugten Anhängerschaft nur noch fester geworden. Der Zulauf der Gläubigen schwoll.

2.

Friederike war auch nach außen hin nicht müßig.

Zwei Monate nach jener Novembersturmnacht, die dem Tischler Joseph infolge seines feuchten Abenteuers in Königswalde ein böses Nervenfieber eingebracht hatte, von dem er langsam nur mit Hilfe einer gutherzigen, sonst aber übel beleumundeten Witwe, Namens Agnes, genesen war, hatte Friederike mit ihm eine Unterredung, die an der Mauer des Gottesackers in Jöhstadt stattfand.

Friederike war etwas früher zur Stelle. Der Tischler war sehr erschöpft von dem weiten Wege und mußte sich gleich niedersetzen. Und dennoch, es lag die alte glückhafte Anbetung in seinen Augen, als er jetzt gespannt den Worten Friederikes lauschte.

"Du wirst," begann sie ohne Umschweife, "dich alsbald aufmachen und als mein Rapportmann meinen tugendhaften, frommen Brüdern und Schwestern verkünden, daß am letzten Neumond mir Philipp und Perenz, die heiligen Wundertäter, in einer weißen Wolke erschienen sind und die Gnade hatten, mir solches aufzutragen: "Wir haben dich," so raunte es geheimnisvoll aus dem Munde der frommen Brüder, "zu Großem ausersehen. Wisse denn, die ob deines reinen Lebenswandels von uns gewollten Schläfe der Erkenntnis werden dir Kräfte verleihen, wie sie noch nie wieder ein Mensch inne hatte. In das Licht unserer Welt, die nicht von diesseits ist, werden wir nunmehr deine Augen tauchen und du wirst sehend werden!"

Sie taten es und ich sah.

"Wir werden deine Ohren segnen und du wirst die Sprache allen Lebens verstehen!"

Sie taten es abermals und ich verstand.

"Deine Hände werden wir mit unserem Blute netzen und dir wird gelingen, was man dir aufträgt!"

Ich befühlte meine Hände und ein seliger Schauder erfaßte mich, daß ich niedersank auf meine Knie und nicht ein noch aus wußte vor dem Brausen in meiner Seele.

Warum mir das alles, ihr Heiligen? bebte ich.

"Weil du uns wohlgefällig bist," raunte es wiederum aus der weißen Wolke. Philipp und Perenz aber fuhren fort: "Dies alles soll dir gehören und dieses Vermächtnis wird dir vergrabene riesige Schätze zeigen, die nur du zu heben vermögen wirst. Wir werden großen Wohlstand über dich bringen und auch deine Anhänger mit Anteilen bedenken unter einer Bedingung: daß du selber keusch und gläubig bleibst und die Schar deiner Brüder und Schwestern zu einem gottgefälligen Lebenswandel erziehst. Eure Gemeinschaft aber heiße: Das Heilige Band!" —

Dann erhob sich ein übernatürliches Brausen, ich wollte rufen, aber die Kehle versagte mir, wie Nebel ward mirs vor den Augen. Und als er verschwand, war keine Spur der weißen Wolke mehr zu entdecken." —

Mit halboffenem Munde, in gläubigem, maßlosen Staunen hatte der Tischler ihr zugehört. Keinen Blick hatte er von ihren Lippen verwandt, kein Wort war ihm entgangen. Auswendig hersagen hätt' er's können, das ganze heilige Gesetzlein. "Du Gebenedeiete, du Gebeneiedete," vermochte er nur ein über das andere Mal zu stammeln.

Friederike aber hatte sich schon ganz wieder in der Gewalt. "Du wirst also tun, was ich dir befahl! wiederholte sie kurz.

"Alles, was du sagtest, und mit tausend Freuden!" beeilte sich der Tischler dienstfertig zu versichern.

"Dann ist es gut, auch dein Lohn wird nicht ausbleiben."

Ein flüchtiges Lächeln und mit einem leichten Händedruck schied Friederike von ihrem Wunderkünder. Hoheitsvoll ging sie davon und war bald in der Dämmerung verschwunden.

Mit einem langen Blick sah ihr der Tischler nach. Dann drückte er die Hand, die Friederike berührt hatte, verstohlen an seine Lippen.

3.

Er hielt Wort.

Mit einem geradezu fanatischen Eifer hatte er sich an seine Mission gemacht, und in weniger denn Monatsfrist die Kunde von der neuen unerhörten Wunderkraft seiner engelgleichen Herrin in die begierig lauschenden Ohren der "Brüder und Schwestern des Heiligen Bandes" geträufelt. Sein überwältigtes, anbetungssüchtiges Gemüt hatte ihm die Zunge wie den Schlägel einer Werbetrommel geleitet.

Die Sitzungen des "Heiligen Bandes" fanden abwechselnd bald in der Wohnung dieses oder jenes "Bruders", der einen oder der anderen "Schwester" statt. Es ging da immer sehr feierlich zu. Standesunterschiede ließ Friederike nicht gelten. Ob es nun der Posamentiermeister aus Buchholz war, der Baumeister aus Annaberg, der Gutsbesitzer aus Königslust oder die Wasserbäuerin aus Wiesa und wie sie noch alle heißen mochten: alle mußten sich den vorgeschriebenen frommen Verrichtungen gleichermaßen unterziehen. "Gleich sollt ihr ja auch bei der Verteilung der gegrabenen Schätze behandelt werden," pflegte Friederike zu sagen, wenn der Geist Phlipps und Perenz' sie umfing. Und alle ordneten sich willig unter.

Trotzdem, ein störrisches Schäflein befand sich auch in dieser Gemeinde. Das war der Bauer aus Dörfel. "Bruder Thomas" wurde er im Heiligen Bande genannt. Thomas, der Ungläubige.

Nicht, daß er etwa über die seltsamen Gebräuche bei der Weihe eines neuen Bruders oder die "Sprachen" Friederikes gespottet hätte. Dazu war er viel zu einsilbig. Aber mitunter glomm ein so eigenartiges Feuer in seinen schwarzen Augen auf und seine Mienen zeigten nach jeder Sitzung ein solches Maß schlecht verhelter Enttäuschung, daß die anderen ihn insgeheim spöttisch den "Goldnarr" nannten, der es nicht erwarten könne, bis er seinen Scheffel voll Schatzanteilen hinter Schloß und Riegel habe.

Das mit seiner ärgerlichen Stimmung voller Zweifel aber war so gekommen.

Friederike hatte ihm eines Tages, als er sie holen ließ, weil die Kühe nicht fressen wollten, ein Pülverchen aus der "Pulkaapotheke" als Heilmittel verschrieben, nachdem ihre Beschwörungen der Hexe, die zum Stalloch hereinguckte, wie sie sagte, fruchtlos geblieben waren. Das Pülverchen hatte viereinhalb Taler gekostet, die Friederike und der Tischler Joseph gemeinsam in einem Brief versiegelten, der dann von dem Mädchen zur Beförderung an die heiligen Brüder Philipp und Perenz in Verwahrung genommen wurden. Doch die Heiligen schienen damals gerade verreist gewesen zu sein, pflegte der Bauer jetzt grimmig zu sagen, denn zwei Tage später hatten drei seiner besten Kühe verendet im Stalle gelegen.

Zum Trost, wie er meinte, wurde ihm dann gesagt, daß in seinem Garten ein großer Schatz liege. Doch bevor er ihn heben durfte, mußten auf Friederikes Anordnung zwölf "Königshäupter" zur Versöhnung der Erdgeister im Garten vergraben werden. Joseph und Friederike hatten das ebenfalls besorgt. Es war sehr ergreifend gewesen, gewiß, aber ihm schien's, die Erdgeister nahmen sich reichlich Zeit mit dem Verschwinden. Das war eine freche Blase, der es bei ihm ganz gut zu gefallen schien.

So lagen denn die zwölf Silbertaler in der Erde, drei Kühe waren tot und an den Schatz durfte er nicht ran. "Es ist zum Trog auslöffeln!" schimpfte der Bauer, wenn er an diese alten Geschichten dachte.

4.

Gott sei Dank ist er aber die Ausnahme im Heiligen Bande.

Friederike hat schon mehrfach seinen Ausschluß erwogen, ist aber aus einem unerklärlichen Bangigkeitsgefühl heraus immer wieder davon abgekommen. Der Mann macht ihr Sorgen.

Gut, daß die anderen sich um so größeren Glaubenseifers befleißigen. Da lobt sie sich die Wasserbäuerin aus Wiesa, die ohne Widerrede und ohne ketzerischen Argwohn fünf Henkeldukaten und sechs "Königshäupter" ihr im rechtmäßigen Glauben an ihre überirdische Sendung übergeben hat. Ist es ihre Schuld, daß die Erdgeister nicht weichen wollen? Sind nicht alle vorgeschriebenen frommen Verrichtungen damals getreulich vorgenommen worden? Hat sie nicht das Dukaten- und Taleropfer gehorsam um Mitternacht in die Erde versenkt, während die Wasserbäuerin mit abgewandtem Gesicht die vom heiligen Philipp und Perenz verordneten Gebete verrichtete?

So fragt sich Friederike jetzt öfters. Mit unruhigen Schritten geht sie in ihrer Stube auf und ab. Ruhelos. Dann und wann bleibt sie am Fenster stehen und schaut in den trüben März hinaus.

Der Posamentenfabrikant aus Buchholz kommt ihr ein. 15 Taler hat der gegeben. 400 Taler der Zimmermeister in Annaberg. Die waren sogar in seinem Hausneubau eingemauert worden.

Das sind doch gewiß Opfer, die die Heiligen erfreuen müssen. Natürlich von heute auf morgen kann man keinen Schatz heben, das müssen sich die Ungeduldigen doch selbst sagen. Hat sie sie nicht genug überzeugt von ihren übernatürlichen gottbegnadeten Kräften, damals, als sie in den Vollmondnächten die größten Schreier nach dem Pöhlberg führte und Philipp und Perenz ihr mit geheimnisvollen Zeichen den Ort wiesen, wo ein Schatz der Hebung harrte! Wie hatten da die Augen der Mitgekommenen gierig gefunkelt, als sie nach einer halben Stunde Grabens ihnen den Schatz wies, der so herzerfrischend im Mondenschein glitzerte. Da hatten sie alle auf einmal unruhige Finger bekommen, nur gut, daß nach den Vorschriften der Schutzheiligen keiner näher als bis auf drei Meter heran durfte. Wer weiß, wie man die Erdgeister sonst erzürnt hätte! Ja, so lange diese Schatzsüchtigen ihre wilde Gier nach Gold nicht bezwingen durch inniges Gebet, so lange ist an eine Verteilung der Anteile natürlich nicht zu denken. Das ist heiliges Gebot, und es war sehr vernünftig von Philipp und Perenz, daß sie diese Bedingung damals stellten.

Friederike nimmt ihre Wanderung wieder auf. Vom Fenster zu Tür, zur Ofenbank und zum Fenster. Ruhelos. Ruhelos ist auch ihr Gesicht, in einem fort arbeitet es darin und die Mundwinkel zucken nervös.

Achtlos gleitet ihr Blick an den schönern Schnitzfiguren vorbei, die auf dem Tischchen in der Ecke stehen, neben der verdeckten Weihnachtskrippe.

Sonst freute sie sich über all die schönen Sachen, die Klöppelspitzen an den Gardinen und überhaupt das ganze geräumige Zimmer mit der noch halbfrischen Wandbemalung. Uebrigens ist alles noch ganz neu. Die Decke, das Zimmer, ja das ganze Haus. Vor drei Wochen hat sie es erst bezogen. Es ging ja auch nicht mehr so weiter in der alten Kate, wo sie beinahe übereinander wohnten. Und Philipp und Perenz, die gütigen Geister, denen sie ihr Leid klagte, hatten ein Einsehen und zauberten ihr die Dukaten, die sie brauchte, vor die Füße, damit sie sich ein Hüttchen baue. Der Herr danke es ihnen!

Sinnend steht das Mädchen wieder am Fenster.

Wie viel ist doch gleich bis jetzt an Opfern niedergelegt worden? Scharf denkt sie nach. Richtig, nahezu 2000 Königshäupter. Hm, verwunderlich ist es da allerdings nicht, daß die Leute unruhig werden. Darum muß etwas geschehen, es ist klar, sonst werden ihr auch noch die Gläubigsten rebellisch. —

Der Gedanke läßt sie nicht los. An den Gutsbesitzer muß sie denken, den Königsluster, einen ihrer Gläubigsten. Und doch, auch dieser scheint schon unruhig. Einmal hat sie ihn bereits beruhigen müssen auf Befehl der Geister. Damals hier in Königswalde war es gewesen und sie war als fromme Magd von Philipp und Perenz ausersehen worden, den Schatz auf dem Felde hinter ihrem Hause zu heben. Genau entsinnt sie sich der Nacht. Der Königsluster hatte sein Pferd gar nicht beruhigen können, bis sie ihm gebot, drei Vaterunser zu beten. Derweilen zogen ihre geweihten Finger den Schatz aus der Erde und zeigten ihn dem Kleingläubigen.

Es ist ja wahr, er ist wesentlich ruhiger geworden, seit er das glitzernde Gold gesehen hat und er ist auch immer fleißig bei den Betübungen.

Ob sie ihm eine Ehrung beim Heiligen Band erweist! Wie wäre es, wenn sie ihn zum Oberhirten machte!

Jawohl, das wird sie, das ist ein guter Gedanke. Gleich morgen wird sie ihren Rapportmann zu ihm hinschicken, damit die nötigen Vorbereitungen getroffen werden. —

Und zwar soll diesmal alles der Geyersdorfer besorgen. "Der Geyersdorfer," flüstert sie, "Johannes", und dann summt sie leise ein Liedchen. Immer wieder beschäftigen sich ihre Gedanken mit ihm, sie sieht ihn vor sich in seiner frischen Männlichkeit und ihr Atem geht schneller. Ganz rot ist sie geworden.
Nach der "Hauptstunde" in Königslust am Ostersonnabend 1857
Nach der "Hauptstunde" in Königslust am Ostersonnabend 1857.
Friederike vergräbt die 200 Königshäupter auf dem Felde des "Bruder Paulus"
5.

Der "Bruder Thomas", der schweigsame Bauer aus Dörfel, saß am Tische und schrieb. Das fiel ihm noch schwerer als reden.

Mit ungelenken Fingern hatte er sich gerade den dritten Bogen Papier zurechtgelegt und mühevoll hingemalt: Dörfel, den 14. Juni anno dominis 1859.

An dem anno dominis war er vorhin beide Male gescheitert, indem die Feder spickte und einen massigen, aber störenden Klex auf das Papier schnepperte. Nach dem zweiten Unglück hatte er endlich die Ursache der "Schweinerei" entdeckt, einen Tabakkrumen, der sich unter dem Papier listig hochreckte. Jetzt, wo der weg war, gings gleich.

Es war ein mächtig schwieriger Brief, den der Bauer schrieb. An ein hochwohllöbliches Königliches Bezirksgericht zu Annaberg war er gerichtet und darin bat er unter Darlegung gewichtiger Gründe um geneigteste Verhaftung der ledigen Friederike aus Königswalde, genannt die "Schatzgräberin". Wütend schloß er seinen Brief und machte herausfordernd einen geradezu unverschämt fetten Punkt.

Ja, aber sollte da nicht auch der gerechte Zorn über einen kommen, wenn man so etwas erlebte!

Da lagen nun seit Jahr und Tag 12 Silbertaler in der Erde, aber die Erdgeister dachten nicht ans Abrücken. Na, und eine neue Leiter mußte auch gekauft werden und ein Kessel für die Waschküche und Bargeld war doch nicht im Hause. Na, und da nahm man eben den Spaten und ging in den Garten und grub die "Königshäupter" wieder aus. Schon war einem geholfen.

Ja Pfeifendeckel!

Wütend schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch, wenn er an sein dummes Gesicht von damals dachte. Er war aber auch zu perplex gewesen, denn was war in dem Talerpäckchen drin, das doch seinerzeit der windige Tischler in seiner Gegenwart eingebuddelt hatte? Bleischeiben! — Jawohl, ganz gewöhnliche Bleischeiben und von Talern, Erdgeistern und einem Schatz keine Spur. —

Der Bauer ließ anschirren. Er zog sich den guten Rock an und fuhr nach Annaberg. So etwas mußte persönlich erledigt werden.

Als er vor der Heimfahrt in den Ratskeller ging, um ein Glas Bier zu trinken, traf er dort zufällig den Hangbauer. Er kannte ihn von Viehmärkten her und der Mann gefiel ihm wegen seiner Geradheit. Als er ihm die Sache von seinen Bleitalern erzählt hatte, schlug der Hangbauer nicht weniger zornig auf den Tisch und meinte, er könnte ihn gleich mit als Zeugen angeben, wenn es so weit wäre. Er hätte dieser Geisterjungfer so wie so nie über den Weg getraut.

6.

Es sollte sich bald erweisen, daß der Hangbauer ein guter Bundesgenosse war.

Eins Nachmittags, er war gerade beim Verschneiden seines Heckenzaunes, sah er auf der Landstraße einen Mann daher kommen, den er bald als den Hermannsdorfer Tischler erkannte. Himmel, sah der Mensch heruntergekommen aus. Sein Gesicht war eingefallen, der ungepflegte Bart ließ es noch ungewaschener erscheinen und der Anzug hing ihm in Fetzen vom Leibe. Seit er wieder dem Alkohol verfallen war, ging es rapide bergab mit dem Tischler.

Der Hangbauer rief ihn an. "Heda, Freundchen, wohin so eilig?"

"Zur Friederike" gab der heiser zurück.

"Na, da pressierts ja nicht so. Kommt, werden erst mal'n Schnaps trinken!"

Der Tischler schwankte. Aber dann überwand er sich und kam.

Sie gingen ins Haus hinein.

Drinnen versuchte der Bauer den Tischler nach allen Regeln der Kunst auszufragen. Aber entweder war der alte Fuchs so hirnverbrannt glaubensselig und wußte von nichts oder er stellte sich nur so. Herauszukriegen war jedenfalls nichts.

Bis der Bauer nach dem achten Glase einen Kunstgriff anwandt und dem stupide zuhörenden Böhmen erzählte, er könnte auch Schätze heben. Und er brauche dazu keine Friederike, er mache das ganz alleine, aus dem Handgelenk. Neulich hätte er in seinem Garten vier goldene Geschmeide und zehn Henkeldukaten zutage gefördert.

Da wurde der Tischler auf einmal ganz Ohr und es kam so weit, daß die beiden einen Abend verabredeten, wo der Hangbauer auch auf den Feldern, die Friederike schon geweiht hatte, die vergrabenen Schätze heben sollte. Diese Stellen wollte der Tischler ihm zeigen. Abgemacht. —

Als der Kerl gegangen war, rief der Bauer die Magd und sie mußte gleich den Tisch und die Bank scheuern und da, wo er gesessen hatte, mußte sie ganz besonders aufdrücken.

7.

Friederike hatte jetzt sehr oft unruhige Nächte.

Es ging etwas um, sie fühlte es instinktiv. Man schmiedete ein Komplott gegen sie, sie merkte es in den Fingerspitzen. Bei den Leuten im Dorf fing es an. Die grüßten sie nicht mehr wie früher sondern verschwanden hinter der Tür, wenn sie vorbeikam. Aber wenn sie sich dann umdrehte, sahen sie ihr mit bösen Augen nach.

Und bei den Brüdern und Schwestern vom Heiligen Bande war es kaum anders. Das heißt, bei den letzteren mochte es noch hingehen, aber in die Männer schien direkt der Teufel gefahren zu sein. Fortwährend peinigte man sie, wo denn die Schätze blieben. Die Goldgier war nicht mehr zu bändigen.

Pack! dachte Friederike. Sie würde wieder eine Talerschenkung veranstalten und gleich hörte das Lamentieren auf. O, noch hatte sie die Macht!

An diesem Gedanken beruhigte sie sich. Aber das war nur künstlich. —

Heut hat sie eine besonders arge Nacht hinter sich.

Schwere Träume ängstigten sie so, daß sie mitten in der Nacht aufstehen mußte, um mit feuchten Umschlägen das wild erregte Herz zu beruhigen. Jetzt, gegen Morgen, ist sie ein wenig in Halbschlummer gesunken.

Zwei Stunden mag sie so gelegen haben, da tönt plötzlich ein leises Klirren an ihr Fenster. Jetzt nochmals — — und jetzt ganz laut, wie Steinwürfe.

Entsetzt springt sie auf, reißt das Fenster auf. Da sieht sie das schreckensbleiche Gesicht des Tischlers.

"Sie wollen dich einsperren!" schreit der heiser vor Aufregung, "überall haben sie nachgegraben, vier Mann von der Polizei und der Geyersdorfer hat ihnen alle Stellen gezeigt!"

"Du lügst!" stößt sie schrill hervor, doch dann packt sie die Aufregung so, daß sie einer Ohnmacht nahe ist.

Flucht! zuckt es durch ihr Hirn.

Fieberhaft machte sie sich ans Werk. Aus Schubladen und Schränken reißt sie die Sachen wahllos heraus, stopft alles in einen großen Kasten.

Doch mitten in dem hastigen treiben läßt Stimmengewirr auf der Straße sie zusammenschrecken.

Sie eilte ans Fenster, sieht einen großen Menschenhaufen, Kinder vorneweg, johlend und schreiend. Sieht Uniformen blitzen und Polizeisäbel und plötzlich gewahrt sie — ihr Herz setzt aus — den Geyersdorfer an der Spitze der Polizei! Und sie wird weiß wie eine Wand — er lacht hämisch auf, wie er sie gewahrt! Da bricht sie zusammen.

Willenlos übergibt sie ein paar Minuten später dem Beamten den Schlüssel zur Haussuchung und läßt sich ohne Widerstand abführen. —

8.

Der 25. Februar des Jahres 1860 war herangekommen. —
Eine gewaltige Menschenmenge steht vor dem Tor zum Gerichtsgebäude. Kopf an Kopf. Das will jeder miterlebt haben, jeder möchte Zeuge sein, wenn das Urteil verkündet wird.

"An allem ist bloß die Mutter schuld," sagt eine Frau zu ihrer Nachbarin, "wenn die nicht so geldgierig gewesen wär, dann säß ihre Tochter heut' nicht hier oben. Aber die Alte wollte eben auch nicht arbeiten."

"Wie lange das bloß dauert, eh' die das Tor aufmachen."

"Der einzige," macht wieder einer seinem Mitteilungsdrange Luft, "gegen den sie nichts gesagt hat in der Verhandlung ist der Johannes aus Geyersdorf. Ist das nicht merkwürdig?"

"Ja, der Macht der Liebe sind eben auch die Heiligen unterworfen", flötet geziert ein älteres Fräulein, deren Gesicht nur aus Nase besteht. —

Da werden die Türen geöffnet und der ganze Schwarm drängt ungestüm nach vorn. Aber nur die Hälfte kommt hinein. Mißmutig müssen die anderen wieder kehrt machen. Aber viele bleiben stehen und warten draußen ...

Eben schlägt es von St. Annen die erste Mittagsstunde. Da setzt sich der Vorsitzende das Barett auf und verkündet unter atemloser Stille des Publikums das Urteil, wonach die ledige Friederike aus Königswalde wegen gewerbsmäßiger Betrügereien unter Benutzung abergläubischer Vorstellungen zu neun Jahren Arbeitshaus verurteilt, dagegen die Mitangeklagten Tischler Joseph aus Hermannsdorf, der sogenannte "Bruder Johannes" aus Geyersdorf und die Mutter der Friederike aus Mangel an vollständigem Beweis der Schuld, die Wasserbäuerin aus Wiesa und der sogenannte "Bruder Paulus" aus Königslust unbeschränkt freigesprochen wurden. —

*

Was bleibt noch zu sagen? Friederike kehrte nach Verbüßung ihrer Strafe geläutert in ihre Heimat zurück und wurde noch zu einem nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Einige Lästermäuler versuchten zwar im Anfang, ihr durch allerlei Sticheleien das Leben zu verbittern. Denen kam aber der greise Dorfpfarrer, ein Mann von altem Schrot und Korn, der Freud und Leid mit seiner Gemeinde teilte, gehörig auf den Kopf. "Wer von Euch ohne Fehler ist, der werfe auf sie den ersten Stein", so wetterte er. Da verkrochen sich die Mucker und fortan ließ man Friederike in Ruhe.

Ende.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 12 v. 27. März 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 12, 27. März 1927, S. 1

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