Die Schatzgräberin von Königswalde. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Schatzgräberin von Königswalde.

1927 > Nr. 10/1927
Nach dem Prozeßbericht des T. A. W. vom Jahre 1860 frei erzählt von Tees.
Mit zeitgenössischen Bildern aus dem Altertums-Museum Annaberg.
ehemalige Ziegelscheune am Pöhlberg
Die Schatzgräberin trifft sich mit dem Teufel bei der alten Ziegelscheune am Pöhlberg.
(Die lokalhistorische Erläuterung des Bildes befindet sich an anderer Stelle dieser Nummer.)
I.

"Minna, Minna, komm doch schnell mal her! Die Friederike hat wieder ihre Zustände!"

Eine schmächtige, abgehärmte Frau rief es und drückte ihr ängstlich gewordenes Töchterchen beruhigend an sich.

Doch nichts rührte sich draußen. Endlich, erst nach einer ganzen Weile, ließ sich auf dem Flur das schlurfende Geräusch von Holzpantoffeln hören. Robust wurde die Tür aufgerissen und ebenso wieder zugeschlagen.

"Pst, pst, leise doch" flüsterte erschreckt die Anwesende.

"Na, was ist denn schon, wenn die auch wieder ihre Geistersprüche macht, werd ich deswegen etwa reicher?"

"Aber Minna, du als die Mutter ..."

"Ach was, Mutter. Arbeiten müssen wir alle und die Friederike ist schon lange groß genug dazu. Bloß freilich, wenn sie nicht so verwöhnt wär von den reichen Leuten, die feine Prinzessin die, dann würds ja aus einem anderen Loche pfeifen. Mein Wort ist: Was nischt einbringt, ist Firlef..."

Die Frau konnte nicht vollenden. Denn vom Hintergrund des Zimmers war ein Schrei gekommen, der ihr jäh das Wort vom Munde nahm. Ein Schrei, halblaut nur, aber so durchdringend in seinem wimmernden Diskant, daß das Kind der Nachbarin sich weinend in der Mutter Schürze verkroch und die Frau selbst eines Gruselns nicht Herr werden konnte.

Totenstill wars plötzlich in dem ärmlichen Gemach geworden. Nur das hastige Ticken der kleinen Wanduhr pochte wie erregter Herzschlag in den Raum.

Gebannt, in schreckhafter Neugierde, hängen die Blicke der beiden Frauen an dem Wesen, das, die Arme wie in seliger Verzückung ausgebreitet, fünf Schritte vor ihnen, in der einen Ecke der Stube auf den Knien liegt.

Ein junges Mädchen ist es.

Im Backfischalter, würde man in begüterten Häusern sagen.

Ihr hübsches regelmäßiges Gesicht ist geisterhaft bleich. Weit aufgerissen sind ihre Augen. Sie starren und starren. Immer auf den einen Fleck an der Wand. Dorthin, wo das Bild des gekreuzigten Heilandes hängt.

Regungslos ist die ganze Gestalt, nur die Lippen bewegen sich leise, als wenn sie betete. Doch kein Wort formt sich, kein Klang schwebt in den Raum.

Da plötzlich — was ist das! —

Jählings, mit einem einzigen Ruck und lautlos wie ein Schatten ist Friederike vom Boden aufgeschnellt. Mit langen, schwebenden Schritten und diesem furchtbaren, unentwegt starrenden Blick schreitet sie in das Zimmer hinein, so daß die beiden Frauen und das Kind unwillkürlich ein paar Schritte zurückweichen.

Jetzt bleibt sie stehen.

Einen Augenblick verharrt sie wie gebannt. Dann kommt auf einmal, wie von Geisterhand hingezaubert, heimliches Leben in ihre starren Züge. Doch im Nu ist auch dieser Schimmer einer schüchternen Freudhaftigkeit wieder von der leblosen Maske ihres Gesichts aufgeflogen, dessen Ausdruckslosigkeit wie eingefroren wirkt. Wie Schatten huschts plötzlich darüber. Bald voller Lebhaftigkeit — bald wie ein müdes Lächeln — und wieder versteinert. Ihre Blicke gleiten unstet umher, suchend und tastend, jetzt finden sie Halt, das Flackern läßt nach. Die Starrheit weicht und um ihre Mundwinkel prägen sich, wie der Griffel in weiche Tonmasse, die Linien einer so hoffnungslosen Entsagung, daß der Mutter der Schlafwandlerin ein schweres, brusttiefes Aufseufzen entschlüpft, während ihrer Nachbarin, die ängstlich jede Bewegung Friederikes miterlebt, Tränen mitfühlenden Jammers aus den Augen tropfen.

Dem Mädchen ist der Kopf schwer auf die Brust gesunken. Langsam streckt sie ihre Arme seitwärts und während es wie ein Aufbäumen durch ihren Körper geht, dringt ein Schluchzen aus ihrer Kehle und in todmüder Gequältheit formt ihr Mund die Worte zu dem verzweifelnden Aufschrei Christi am Kreuz:

"Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Und nach einer Weile klirrt es leiser, wie zerbrochenes Stöhnen:

"Mich dürstet!"

Die beiden Frauen sind auf die Knie gesunken. Nur das weinende Kind rettet nichts aus seinem Schluchzen. Ab und zu wagen sie einen verstohlenen Blick auf Friederike, die noch ganz im Banne ihres Traumzustandes in Stellung und Ausdruck die Kreuzigung Christi durchleidet.

Nach einer Unendlichkeit sinken ihre Arme von den erträumten Balken des Kreuzes herab. Wie befehlend streckt sie sie gegen die fremde Frau aus und aus ihrem leblosen Munde raunts:

"Geh hinaus, Weib, also spricht der Herr, dein Gott, durch mich zu dir. Geh hinaus Witfrau, deren ehrsamer Ehegatte seit Johanni sitzet zur Rechten unseres Heilandes. Geh hinaus und bete für dein Seelenheil und das deines Kindes. Wisse, gezählt sind unsere Tage im Irdischen und niemand weiß, wann er abberufen wird!"

Geängstigt erhebt sich die Frau, greift nach ihrer schwarzen Tasche, darinnen sie ihr Geld bewahrt, und will zur Tür hinaus. Da läßt ein Zuruf der Verzauberten ihre Schritte stocken. Monoton flüsterts aus dem Halbdunkel:

"Halt, Weib! So du nicht dein Denken abkehrst von allen vergänglichen Gütern dieser Erde wird dein Gebet keine Frucht tragen. Darum trenne dich von dem Unsegen an deinem Arm bis nach deinem Gebet!"

Gehorsam, aber in verzögernder Aufgeregtheit, wie sie Frauen eigentümlich ist in Augenblicken, wo etwas schnell gehen soll, streift die Witwe ihre Geldtasche vom Arm und legt sie auf den Tisch.

Dann eilt sie hinaus. Friederikes Mutter schließt sich an und überläßt draußen die kniende Frau ihrem inbrünstigen Gebet.

Friederike aber geht mit steifen, unnatürlichen Schritten zu dem Tisch und wie segnend streift ihre Hand über die Ledertasche.

Dann dringt es wie ein Aufatmen aus ihrer Brust, sie tastet mit unsicheren Fingern über ihre Augen, so, als wollte sie einen fremden Zwang verscheuchen und läßt sich schwer auf die einfache Bank am Ofen fallen. Müde stützt sie das Haupt in ihre Hände. —

So fanden sie die beiden Frauen, die nach einer halben Stunde wohl die Stube wieder betraten.

Die Witfrau griff nach ihrer Tasche und verabschiedete sich, ihr Kind an der Hand, leise und hastig von der Hausfrau.

Unterwegs fiel es der Witwe ein, beim Krämer ein Pfund Fett zu holen. Doch wie es ans Bezahlen ging, merkte sie, daß sie ihr Geld verloren hatte. Um und um kehrte sie die Tasche, doch keine Groschen hüpften heraus, geschweige denn die zwei Silbertaler. So mußte sie den Betrag ankreiden lassen.

Doch als sie den Laden verlassen hatten, hielt es ihre kleine Tochter nicht mehr aus, sie mußte es sagen: "Mutter, das Geld hat die Friederike aus der Tasche genommen, als du gebetet hast. Ich habs durchs Schlüsselloch gesehen."

Ganz aufgegracht wurde da die Mutter.

"Bist wohl nicht gescheit, Mädel, willst mir wohl den Segen noch vertreiben. Verloren werd' ich 's Geld haben. Doch w... schads, wenns der Himmel nur als Buße annimmt." —

*

Nach einer weiteren halben Stunde erschien auch Frau La... beim Krämer.

Ihre Tochter hatte, nach einer guten Weile aus schwerem Schlaf erwachend, und die Vorhaltungen der Mutter wegen des leidigen Geldverdienens mit einer müden Gebärde abwehrend mit seherischem Blick nach den Blumentöpfen gewiesen, die am Fenster standen und der Mutter mit monotoner Stimme geheißen, aus einem von ihnen die Erde zu entfernen, um das Geschenk der "Heiligen Philipp und Perenz", die ihr inbrünstiges Gebet erhört und sie soeben in eigener geisterhafter Gestalt aufgesucht hätten, entgegenzunehmen.

Ungläubig hatte die Frau den Rat befolgt, aber dann waren ihre Hände immer flinker geworden und jetzt war sie hie... um mit einem Silbertaler und drei Groschen, die tatsächlich und ihr unerklärlich in der Blumenerde vergraben gewesen waren, ihre Schulden beim Krämer tilgen zu lassen. Darüber hinaus vermochte sie noch manchen guten Kaif zu tun.

Völlig ausgesöhnt mit der Arbeitsscheu ihrer Tochter, schlief sie in dieser Nacht außerordentlich beruhigt, nicht ohne das verklärende Gefühl eines gewissen Stolzes darauf, die Mutter eines mit so überirdischen und heiligen Kräften begabten Mädchens zu sein.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 10 v. 13. März 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 10, 13. März 1927, S. 1

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