Seltsame Weihnachten. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Seltsame Weihnachten.

Die meisten Menschen begehen das Weihnachtsfest im Kreise der Familie beim strahlenden Lichterbaum in fröhlicher Geselligkeit; es gibt aber auch Sonderlinge, die dieses Fest auf höchst eigentümliche Weise "feiern". Solche "Außenseiter" sind in England, dem Lande des "Spleens", besonders häufig. Viele Jahre hindurch stellte in der Heiligen Nacht ein alter Herr an einer beliebten Stelle der Londoner City ein Fernrohr auf und blickte aufmerksam hindurch, bis der Morgen graute. Er hielt eifrig Ausschau nach einem neuen "Stern aus dem Osten", ähnlich dem, der den heiligen drei Königen den Weg nach Bethlehem gewiesen. Er glaubte, daß das Erscheinen dieses Sternes das Ende der Welt bedeute, und wollte davon sofort unterrichtet sein. Wenn am 1. Weihnachtsfeiertag die Tore eines großen Londoner Friedhofs geöffnet werden, dann tritt als Erste regelmäßig eine tiefverschleierte Dame herein und legt auf jedes Grab, auf dem sich keine Blumen oder sonstigen Erinnerungszeichen finden, einen Efeuzweig nieder. Dann schreibt sie sich die Namen von den Steinen der betreffenden Gräber auf und verläßt den Kirchhof als Letzte, nachdem sie den ganzen Tag dort verbracht hat. Den Weihnachtsabend in einer Gefängniszelle zu verbringen, ist gewiß eine seltsame Laune; aber es gibt einen Mann, der dies regelmäßig tut. Wie ein Londoner Polizeiinspektor berichtet, ist an 4 Weihnachtsabenden hintereinander ein und dieselbe Persönlichkeit auf seiner Station wegen irgend welcher geringer Vergehen eingeliefert worden; der Mann weigerte sich jedesmal, seinen Namen und Adresse anzugeben und verlangte, in eine Zelle gebracht zu werden. Dort blieb er die Nacht über, machte am nächsten Morgen die gewünschten Angaben und wurde entlassen. Der Mann wollte auch nichts essen und trinken, so daß der Inspektor vermutet, es handle sich bei dieser merkwürdigen Schrulle um eine freiwillige "Buße", die sich der Mann auferlegt habe. Ein anderer dieser Sonderlinge der Christnacht findet ein Vergnügen darin, sich als Vagabund zu verkleiden und das Asyl für Obdachlose aufzusuchen. Zwei alte Damen ließen in jedem Sommer sieben junge Holztauben aufziehen, die sie am Weihnachtsabend abholten. sie befestigten an einem Bein jedes Tieres ein Goldstück und ließen sie dann fliegen in der Hoffnung, die Vögel würden von armen Familien gefangen werden. Es gibt in England einen Klub, dessen Mitglieder am Heiligen Abend die Gefängnisse besuchen und dort Gaben verteilen. Ein Menschenfreund aber besucht sogar die Friedhöfe der Gefängnisse, auf denen die hingerichteten Verbrecher liegen, legt mit Erlaubnis des Direktors Kränze auf die Gräber und betet für die Unglücklichen.
—ck.


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 52, 26. Dezember 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 52, 26. Dezember 1926, S. 4

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