Bunte Steine aus dem Erzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Bunte Steine aus dem Erzgebirge.

Wochenblatt-Lektüre aus dem Jahre 1818.

In den Nummern 32 und 33 des "Gemeinnützig-unterhaltenden Annaberg'schen Wochenblatt" vom 7. und 14. August 1818, erfahren wir aus dem "Theater-Observatorium" (Kritik), daß "seit 8 Jahren Annaberg den geistigen Genuß eines Schauspiels entbehrte. Nur Lorgies Puppen- und Possenspiele boten uns erbärmliches Surrogat in jener Zeit der Surrogate, und so verspeiste man denn auch jenes, wie diese, weil — uns nichts besseres aufgetischt wurde". Aus dem Anzeigenteile ersehen wir dann, wie die "privilegierte Schauspiel-Directrice" Caroline Leutner ihren Spielplan bekannt macht; lauter verschollene Stücke. Betont wird: "Donnerstag und Freytags sind jeden Tag Vorstellungen." Wo die Truppe herkam, erhellt aus einer Verlustanzeige des Schauspielers Carl Weidner, der "am 7. August zwischen Zwickau und Schneeberg ein großes rothes Umschlagbuch mit blauen Streifen und Franzen" verloren hat und dem ehrlichen Finder ein Geschenk von 1 Taler zusichert. Auch der Ballettmeister Wilh. Borkmann ist zugezogen und wohnt bei Herrn Friedrich Anger "hinter der Wolkensteiner Gasse"; er ist "gesonnen Tanzunterricht zu ertheilen. Der U'nterricht besteht in einer guten Haltung des Körpers und einem sittlichen Betragen, wie auch in allen neuen üblichen Pas und Tänzen. Der monatliche Betrag für 16 Stunden ist á Person 1 Thlr., und 8 Gr. Entrée beym Antritt der Stunden."

Ferner wird der Reiheschank und gleichzeitig bekannt gemacht, daß "bey Conradis Erben die Kanne gutes trinkbares Bier 8 Pfennige gilt"; auch erfährt man in der Expedition, wo "ein eisener Ofentopf, vier Wasserkannen haltend, zu verkaufen steht" und der Ratsdiener Schulz ist beauftragt: "Auf ein steinernes, in gutem Zustande sich befindendes Haus gegen ersten Consens ein Capital von 400 Thaler" zu suchen.

Weiter ist zu lesen, daß der Rat "mit Mißfallen wahrgenommen, daß aus Bürgerhäusern Bauschutt und anderer Unrath auf die Gassen geschafft wird und liegen bleibt; es wird Rathswegen dieses polizeywidrige Ungebührniß künftig bey 20 Gr. Straffe und die Wegschaffung der Schutthaufen binnen 14 Tagen (!) angeordnet". Gleichzeitig erläßt er folgende Erinnerung: "Ob schon die Einzahlung der Anlage wegen des Aufwandes bey Wiederbesetzung der Superintendentur-Stelle bereits am 28. May d. J. erinnert worden, so steht doch noch der größte Theil der Beyträge in Rest. Es werden deshalb die Restanten nochmals der Berichtigung ihrer Beyträge an Herrn Viertelsmeister Vogel binnen 8 Tagen, bey ohnfehlbarer Vermeidung executivischer Zwangsmittel bedeutet." Erwähnt sei noch, daß "ein Garten innerhalb der Stadt mit einem neuerbauten Lusthause, welches der vortrefflichen Aussicht wegen viel Anmuth gewährt, aus freyer Hand zu einem ganz billigen Preiß zu verkaufen steht" und uns der Gastgeber F. Weber in Wiesenbad für "kommenden Sonntag, als den 9. August d. J., zu einem Sternschießen einladet". —

Das war die "gemütliche", weder durch Dampf noch Elektrizität und — last not least — Benzin getrübte alte Zeit.
—m—


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 45 v. 7. November 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 45, 7. November 1926, S. 5

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