Bunte Steine aus dem Erzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt
Menü

Bunte Steine aus dem Erzgebirge.

Obererzgebirgische Originale

Nachträgliches zu dem Artikel "Alt-Annaberger Originale".

In der ganzen Umgegend bekannt war der 

"Fürst vom Greifenstein";

ein mit allem möglichen Flitter, Tand und Plunder beputzter harmloser Alter, der schon in dem 1869 zu Drebach verstorbenen, gleich betitelten "Zöppel-Pilz" einen Vorgänger hatte, man war sich aber nicht recht einig darüber, ob der "Fürst" beschränkt sei oder eine gewisse Pfiffigkeit aus seinem Wesen spreche.

Von den volkstümlichen "Originalen" älterer Zeit ist uns mehr durch Tradition als durch Schrift hinterblieben; die Schriftstellerei (hauptsächlich die Tagesschriftstellerei) hat sich früher wenig um diese Größen der Straße gekümmert. Aber im "Annaberger Wochenblatt" ist uns doch die Erinnerung an eine zu ihrer Zeit jedenfalls weitbekannte und wohlgelittene Persönlichkeit aufbewahrt geblieben und ein darauf bezügliches Poem läßt auch ihre besondere Art erkennen. Im 31. Stück des "Gemeinnützigunterhaltenden Annaberg'schen Wochenblatt" vom Jahre 1820 befindet sich folgende 

"Todesanzeige eines interessanten Menschen",

welche — wie es in der Fußnote dazu heißt — "für diejenigen, welche den Erzgebirgischen Anzeiger nicht lesen, aus Nr. 51 desselben extrahiert ist":

"Heute endete der Tod nach einvierteljähriger Krankheit im 62. Lebensjahr durch einen Nervenschlag die irdische Pilgerreise des weitbekannten August Weck aus Schneeberg. Er schied mit herzlichem Bedauern, die rückständigen Komplimente an seine Wohltäter hienieden nicht überbringen zu können, und mit dankerfülltem Herzen, eingedenk der genossenen unzähligen Wohltaten — von einer Welt, wo es ihm so wohl ging.
Städtchen Schellenberg, den 2. Dez. 1820."

Im 3. Stück des folgenden (1821er) Jahrgangs vom A. W. lesen wir dann: "In Beziehung auf die Todesanzeige August Wecks in Nr. 51 des Annabergischen Wochenblattes im vorigen Jahre" noch folgenden dichterischen Erguß, der uns die Persönlichkeit des Verewigten näher bringt.

So ruht er nun! der uns in seinem Ranzen
Zu Dutzend, halben Schocken und im Ganzen,
In Deutschland ringsumher, fast bis ans Meer,
Von Freunden brachte Komplimente her.

Er reiste stets auf drei Zoll starken Sohlen
Von Holz durch Sachsen, Preußen bis nach Polen,
Und überall fand sich ein Freund der Not;
Für's Kompliment erhielt er — Geld und Brot.

So konnte er auch in den heiß'sten Tagen
Zwei Röcke und die Westen doppelt tragen,
Und mit dem Knotenstock kam er ins Haus,
Sah ganz als wie der Zerbster Roland aus.
—m—

Was ist "erzgebirgische Gemütlichkeit"?

Darüber schreibt der frühere Annaberger Realgymnasial-Rektor Prof. F. Bruno Berlet wie folgt:

"Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die wesentliche Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher zur Antwort bekommen: "Die Gemütlichkeit!" Ein vieldeutiges Wort, worunter man aber im allgemeinen das Bestreben zu verstehen hat, sich und anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam beachtet, nicht nur was man sagt und was man tut, sondern auch wie man es sagt und wie man es tut. Gewandte Personen gelten als "manierlich" und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet. Durch die genannte "Gemütlichkeit" wird allerdings die Geselligkeit erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgange geschaffen, doch auch die Tatkraft und der Trieb zur Selbstverwaltung etwas abgeschwächt."
—m—


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 48 v. 28. November 1926


zurück


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 48, 28. November 1926, S. 5

Zurück zum Seiteninhalt