Der Steuerdruck vor 300 Jahren. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der Steuerdruck vor 300 Jahren.

1929 > 1929-03

Heimatgeschichtliche Plauderei über die Akzise.

Wie oft hört man ein Loblied auf die "gute, alte Zeit" singen, ohne daß der Sänger die damaligen Verhältnisse jemals kennen gelernt hätte. Alle einschlägigen Akten, die man zur Hand nimmt, klagen zu allen Zeiten und allerwärts über "schlechte" Zeiten, hervorgerufen oder vermehrt durch oft kaum aufbringliche Steuern. Besonders hart wurde die in den Ktriegszeiten eingeführte neue Steuer, eine Abgabe auf allerlei Gebrauchsgegenstände empfunden: die Akzise; aber ebenso hart war auch die Art der Hebung.

Da gab es in den Ämtern Akziseinnehmer und Akzisinspektoren und -Direktoren, während auf den Landstraßen Akzisreiter und Akzisoberreiter einhertrabten. Da wurden alle Waren untersucht, nachgezählt, -gemessen und -gewogen, die Wagen mitten zwischen den Orten angehalten und durchstöbert, Wanderer und Frauen ausvisitiert — kurz, es war eine Quälerei und Schererei, welche die erzgebirgischen Städte auf allen Landtagen von 1653 an veranlaßte, eine Aufhebung dieser Steuer zu bitten. Diese Steuer war zwar durch den Regensburger Reichstag gleich nach dem Münsterschen Frieden (1648) für das ganze Reich aufgehoben, bestand aber noch in Kursachsen in vollem Umfange. Die Akzise war daran schuld, daß der Handel aus Italien nach dem Norden, aus Holland nach Schlesien und Polen andere Wege als über Sachsen einschlug, daß also Handel und Industrie schwer geschädigt wurden.

Ein Beispiel hierfür: Kaufte ein Wollhändler in Leipzig einen Zentner Schafwolle, so mußte zuerst der Leipziger Kaufmann 3 Gr. 9
J Akzise bezahlen. Brachte der Händler die Wolle nach Annaberg, mußte er auch 3 Gr. 9 J entrichten; er "verlegte" nun die Wolle an den armen Meister, der nicht soviel Wolle selbst bezahlen konnte. Der Tuchmacher brachte aus dem Zentner 2½ Stück Tuch; von jedem Stück mußte er 1 Gr. 6 J Akzise abgeben, ist für 2½ Stück abermals 3 Gr. 9 J. Übergab er nun dem Verleger das Tuch, mußte letzterer wieder 5 Gr. bei Empfang der Ware entrichten. Dazu kamen noch 2 Gr. 6 J Stempelgeld, welche der Tuchmachermeister bei der "Schau" bezahlen mußte. Es ergab also der Zentner Wolle bis zur Ablieferung des fertigen Tuches 23 Gr. 9 J Ungeld (wie die Akzise auch genannt wurde). Dabei waren die Akzise für Kupferwasser, Waid oder Indigo, Fett, ja auch für die Werkzeuge — bis zur Spule herunter — noch gar nicht gerechnet. Stellte sich der Preis eines Stückes Tuch auf 9 Taler, so wurden für 22½ Taler nicht weniger als 23 Gr. 9 J Akzise fällig.

Diese vielfältige Besteuerung ergab oft wunderliche Zusammenstellungen: Der Fleischer schlachtete ein Rind. Natürlich war es mit Akzise belegt. Jedes Pfund Fleisch mußte außerdem mit 2
J versteuert werden. Der Seifensieder kaufte das Inselt des Tieres. Eine Akzise lag darauf, ebenso auf dem Dochte und schließlich auf der fertigen Talgkerze. Der Fleischer mußte weiter die rohe Haut des Rindes versteuern, der Gerber das fertige Leder. Erwarb nun ein Schuhmacher die fertige Haut, so mußte er dafür, ehe er sie "ausschnitt", nochmals Akzise geben; also wurde das Leder zweimal, die Rindshaut überhaupt dreimal versteuert. Daß die fertigen Stiefel nicht unbesteuert sein konnten, braucht man gar nicht zu erwähnen. — Wer denkt hierbei nicht an die so allgemein beliebte Umsatzsteuer?

Litt ganz Sachsen unter dieser Besteuerung, so kamen die armen erzgebirgischen Städte am schlimmsten davon. Sie waren, da die Landwirtschaft zu wenig ergiebig, der Bergbau erschreckend schnell zurückging, auf die Industrie angewiesen und wurden darum am meisten geschädigt, aber auch bei den Landtagen am meisten vorstellig.

Die Landtage waren damals etwas ganz anderes als heutzutage. Darin hatten nur Sitz die Ritterschaft (der Adel), die Prälaten (die hohen Geistlichen), die Universitäten (Leipzig und Wittenberg) und die Städte, die nach ihrerv Bedeutung in die Städte des engeren und weiteren Ausschusses und in die allgemeinen Städte eingeteilt wurden. Dazu waren die Kreise ebenfalls getrennt und jede Partei hielt Sondersitzungen ab. Nachdem man sich gegenseitig verständigt hatte, fanden erst Plenarsitzungen statt. Die Abgeordneten des Adels hatten erbliche Sitze. Bei den Universitäten und Geistlichen lag die Mitgliedschaft auf den Stellen. Die Städte schickten von ihren Ratsherren entweder den Bürgermeister oder den Stadtrichter.

Die Stadt Annaberg konnte oft zwei Abgeordnete senden. Ihr kamen dann während der Dauer der Sitzungen zwei freie Nachtlager und Stallung für vier Pferde zu. Beköstigen mußten sich die Abgeordneten selbst.

Der Abgeordnete Annabergs war auf dem Landtage eine angesehene Person. Als Mitglied der Städte des engeren Ausschusses im erzgebirgischen Kreise hatte er an den Ausschuß- und Sondersitzungen desselben teilzunehmen oder auch diese zu leiten und dann die Beschlüsse der Regierung einzureichen und zu vertreten.

Über die Landtagsarbeit jener Zeit ausführlich zu berichten, wäre hier nicht am Platze: das Annaberger Ratsarchiv bewahrt noch eine große Anzahl von Landtagsakten, die bis etwa 1800 handschriftlich vom Abgeordneten geführt wurden. Es kam hier nur darauf an, die Stellung zu kennzeichnen, die Annaberg dort einnahm.

— cj. —


Nr. 3 v. 20. Januar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 3, 20. Januar 1929, S. 1

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