Der Turmbrand am 7. März 1813. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der Turmbrand am 7. März 1813.

Annaberg, Brand des Turmes der St. Annenkirche 1813

Nach einem alten Druck.

Die Heere Napoleons waren auf Rußlands Fluren vernichtet und ein furchtbarer Gewittersturm drohte sich auch über den vaterländischen Gauen zu entladen. Noch war das obere Erzgebirge von den Kriegsdrangsalen verschont geblieben, als zuerst am 4. März 1813 zur Aufnahme von Kranken und Verwundeten auch in hiesiger Stadt Lazarette eingerichtet werden mußten, so z.B. in den Bürgerhäusern Wolkensteiner Straße 2, Steinweg 1-5, Mittelgasse 2, Schießhausstraße 1 (Schützenhaus) und Logenstraße 1 (ehem. Genselgarten). Keine Feder vermag den gräßlichen Zustand der Krieger zu beschreiben, welche in offenen Wagen, kaum notdürftig gegen Kälte und Regen geschützt, 500 an der Zahl, hier ankamen. In den nächsten Tagen war die städtische Bevölkerung von dem Lazarettfieber, dem Typhus, ergriffen und zunächst die Männer, die Beruf und Mitleid in Verkehr mit den Lazaretten geführt, dann aber auch andere Bewohner in großer Zahl fielen als Opfer.

Nicht unvorbereitet war man auf die Drangsale des Krieges gewesen, aber ungeahnt standen schon andere Schrecken und Gefahren über der Stadt, die derselben Vernichtung drohten.

Ein gewaltiger Schneesturm wütete am Abend des 6. März 1813, als am 7. März 1813 (10 Minuten vor 1 Uhr nachts) drei Blitze gleich Feuerschlangen die Spitze des — damals noch nicht mit Blitzableitern versehenen — Annenturmes trafen und die Haube oberhalb des Häuerglöckleins in Brand setzten. Das Sturmläuten mit dieser Glocke, sowie später mit den tiefer hängenden größeren drei Glocken war gleichzeitig ihr Abschiedsruf und Sterbegesang. — Die einzige Hilfe, die Säulen der oberen Durchsicht zu durchsägen und die zuerst brennende Turmhaube im Ganzen hinabzuwerfen, scheiterte an der Solidität, mit welcher die Vorfahren diese Säulen befestigt hatten. Das entfesselte Element ergriff bald den unteren hölzernen Teil des Turmes bis auf das massive Rechteck und im Innern des Turmes die eingebauten Glockenstühle und das sonst eingebaute Holzwerk.

Ein erschauernder Moment des fürchterlich schönen Schauspiels war es, als der Glockenboden mit den Glocken in den inneren Teil des Turmes herabstürzte und eine kolossale Fackel über das Turmgemäuer in immenser Höhe und Breite emporstieg, von Nordwest nach Südost einen vom Sturm verursachten Feuerbogen über die obere Stadt hinweg bildend (s. Bild).

Zwar blieben die unterhalb des Feuerstromes gelegenen, größtenteils schindelgedeckten Häuser, welche später am 29. März 1837 ein Raub der Flammen wurden, vom Feuer verschont; aber vor dem böhmischen Tore, wo der Flammenbogen sich senkte, wurde das Vorwerk des Postmeisters Reiche, das des Fuhrmanns Walther und das Häuschen des Töpfers Hoffmann (jetzt Köselitzplatz 2, 3, 4) vom Flugfeuer entzündet und eingeäschert.

War sonach die obere Stadt gerettet, so drohten um so größere Gefahren der Kirche und zunächst dem Dache derselben. Zwar waren die Zugänge aus dem Turm in die Kirche während des Brandes mit Ziegeln versetzt worden; da jedoch nur aus dem Turme auf den Kirchboden zu gelangen war, so konnte man nicht erforschen, ob nicht unter dem Dache das Holzwerk schon in Brand geraten sei und ob noch durch rechtzeitige Hilfe die Kirche gerettet werden könnte.

Da stieg mit größter Lebensgefahr der Maurermeister Johann Georg Schreiter († 20.11.1854, Vorfahre der jetzt noch lebenden Schlossermeister Gebrüder Schreiter) auf schwankenden, aneinander gebundenen Feuerleitern seitwärts nördlich von der großen Orgel hinauf bis an das Gewölbe der Kirche, schlug über sich arbeitend eine Oeffnung durch dasselbe und gelangte glücklich auf den Kirchboden. Nur dadurch wurde es möglich, ein Seil herabzuwerfen, die Schläuche der Spritze hinaufziehen und die schon hier und da glimmenden Sparren löschen zu können.

Noch am Tage des Brandes (Sonntag Invokavit) nachmittags 2 Uhr hielt Diakonus Hübschmann in den Hallen des gleichsam von neuem geschenkten Gotteshauses eine Dankpredigt.

Mit kummervollen Blicken schaute die Kirchfahrt auf die noch rauchenden Trümmer. Wie und wann schien die Wiedererhebung und der Ausbau des Turmes mit seinen Glocken möglich? Staatsbedürfnisse aller Art, durch die Kriegsereignisse u.a. verursacht, waren zu decken. Aber Dank der Tatkraft mutiger Männer (Benedict, Eisenstuck, Lohse-Schlettau u.a.) wurde schon nach wenigen Wochen mit dem Bau begonnen und derselbe so energisch fortgesetzt, daß schon am 26. Oktober 1814 die neuen Glocken aufgezogen und am 28. Oktober 1814 Knopf, Kreuz und Blitzableiter aufgestellt werden konnten. Am Reformationstage (31.10.1814) früh 1 Uhr ertönte nach beinahe 20monatlicher Entbehrung wiederum der erste Glockenschlag und nach feierlichem Aufzuge (früh 8 Uhr) vom Rathause aus unter dem Geläute der neuen Glocken folgte die kirchliche Weihe.

Der abgebrannte obere Teil des Turmes bildete einen über das massive Achteck hervorragenden, oben schmal auslaufenden Bauch. Seine Gestalt ist aus der Abbildung im Moment der herabstürzenden oberen Haube ersichtlich, sowie in dem Türmchen der Hospitalkirche (siehe I.E.S. Nr. 14 vom 4. April), welches beim Wiederaufbau derselben nach dem Brande vom 28.9.1826 gleichsam als ein Epitaphium für den altehrwürdigen Annenturm in verjüngtem Maßstabe ihm ähnlich gestaltet worden ist.

Die Wiederherstellung des Turmes nebst Zubehör kostete mit Einschluß von 1670 Taler für die Galerie und das eiserne Geländer, 18320 Taler. Außerdem kosteten die Glocken 7129 Taler, jedoch nach Abzug von 3502 Talern für Altmetall nur 3627 Tlr.

Diese Summen sind (nach Abzug der Brandkassenversicherung von 5333 Taler) mit 16614 Taler von der Kirchfahrt zugleich mit den Kriegsschulden, die im Laufe des Jahres 1813 allein bis auf 77368 Taler anstiegen, durch Anlagen aufgebracht worden. Der Knopf und das Kreuz wurden durch freundliche Beiträge der Innungen und der Frauen und Jungfrauen für 692 Taler beschafft. Der Gesamtaufwand zur vollständigen Herstellung betrug demnach 22639 Taler oder mit Trinkgeldern etc. rund 23000 Taler.

Ueber die im Turmknopfe befindlichen Inschriften ist erst vor einigen Monaten berichtet worden.

— m.


Nr. 17 v. 25. April 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 17, 25. April 1926, S. 7

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