Deutsches Volkstum in der erzgebirgischen Schnitzkunst. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Deutsches Volkstum in der erzgebirgischen Schnitzkunst.

1934 > 1934-02
Von Willy Hörning.

"Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. — Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt."

So erzählten die Mönche vor mehr als elfhundert Jahren den deutschen Stämmen die frohe Mär. Dabei erklangen lateinische Gesänge, und Weihrauchduft durchströmte die Klosterkirchen. In den Bänken saßen die blauäugigen Germanengestalten und fühlten sich so gar nicht wohl bei dem fremden Zauber. Was ging sie der fremde Kaiser an, und was in aller Welt kümmerte sie das Kindlein in der Krippe im fremden Lande? Und anbeten? Da war doch Donar ein andrer Kerl! Zu dem konnte man in Ehrfurcht beten, wenn er mit seinem Wolkenwagen daherraste und seinen Blitzhammer schleuderte! Oder wenn Wodans wildes Heer in den Sonnwendnächten durch die Lüfte brauste! Doch davon durften sich die Recken nichts merken lassen, sonst erging es ihnen wie den 3000 Sachsen, die Karl hinschlachten ließ. Sie waren ja nun auch getaufte Christen; und ihre alten Opferstätten waren nicht mehr. Und ihre alten Aufzeichnungen über Kult, Recht und Sitte waren in Flammen aufgegangen. Dafür hatten Karl und Ludwig gesorgt. Daß sie zuweilen noch heimlich bei Nacht ... Pst! Still! Nur nichts merken lassen!

Geschnitzt von Fritz Meinecke-Thum.

Das Christentum war den Deutschen eben eine völlig fremde Welt, an die sie sich nicht gewöhnen, in der sie nicht warm werden konnten! Das erkannte auch Ludwig 1). Deshalb erteilte er einem Sänger, der bei den Sachsen im hohen Ansehen stand, den Auftrag, ein Buch über den Heiland zu schreiben. Christus sollte darin so dargestellt werden, als wenn er in deutschen Gauen gelebt hätte. So entstand die "Heliand"-Dichtung. Sie ist Ludwigs Verdienst, dem wir anderseits zürnen, weil er alle Stätten und Dokumente aus altgermanischer Zeit vernichtete. Daß dieser "Heliand"-Dichter den Deutschen Christus näherzubringen verstand, erkennen wir schon aus dem Anfang der Weihnachtsgeschichte:


"Da kam von Romaburg des mächtigen Mannes,

Ueber all dies Erdenvolk, Oktavians

Bann und Botschaft über sein breites Reich,

Von dem Kaiser an jeden einzelnen König,

Der zu Hause saß, soweit seine Herzoge

In den Landen den Leuten geboten.

Die Ausländischen ließ er zur Heimat eilen,

zur Mahlstatt die Männer, daß jeder erschiene

An der Stätte vor dem Boten, von welcher er stammte,

In der Burg seiner Geburt. Das Gebot erfolgte

Ueber die weite Welt; das Volk wanderte,

Jeder nach seiner Burg. – –" 2)


Ja, Burg, Bann, Klnig, Herzog, Heimat, Mahlstatt! Das waren Dinge nach dem Herzen der germanischen Kämpen! Nun war ihnen der Heiland kein fremdes Kind mehr, sondern ein "Fürst der Menschen." Nun wuchs ihre Achtung vor dem Christengotte, und wie die Hirten, "die bei den Rossen draußen waren", beteten auch sie das Christkind von Herzen an. Aus dem Kindlein wurde dann ein Herzog, der mit seinen Mannen durch den Gau Galiläa zog. Oder er durchfuhr wie die nordgermanischen Seefahrer auf hochgehörntem Schiffe den See Genezareth, und willig hörten nun die germanischen Männer die Lehren aus "Gottes Au". "Der Heiland und sein Werk sind dadurch in die Mitte des deutschen Volkes versetzt und der Phantasie und dem Gemüte deutsch geworden" (Rückert). So ist diese Dichtung der erste Versuch, Deutschtum und Christentum einander näherzubringen. Viel Zeit mußte noch vergehen, und andere Faktoren wirkten noch mit, bis unsere heutige Einheit "Glaube und Volkstum" geboren wurde. —


Erzgebirgische Schnitzkunst! Was hat sie mit dem "Heliand" zu tun? Wozu die vorangegangene Betrachtung? Wir erkannten aus ihr das Prinzip der Durchsetzung des Evangeliums mit deutschem Leben. Auch in der weihnachtlichen Schnitzkunst kann man es finden, wenn man unsere erzgebirgischen Schnitzkunstwerke recht anzuschauen versteht. Da tauchen in Leuchtern, Pyramiden, Krippen und Weihnachtsbergen unendlich viel heimatliche Motive auf: Tannenzweige und -zapfen, Hirsch und Reh, Moos und Steine von alten Bergwerkshalden und Vögel aus dem Erzgebirgswalde. Und gar die Menschen auf Pyramiden und Bergen! Da begegnen wir erzgebirgischen Bauern und Jägern — Stülpner Kark spukt da irgendwo mit herum —, ruschelnden Kindern, Schornsteinfegern und dem alten einsamen Nachtwächter. Da ist der Dorfschmied vertreten neben Holzmänneln und -weibeln, und der liebe alte Bergmann begrüßt uns mit herzlichen Glück-auf! Wie steht es mit den Landschaften, in denen die Krippe steht? Gar oft finden wir den heiligen Stall mit im Heimatdörfchen, und der Bergbach fließt dicht vorbei. Erzgebirgswiese und -wald umher, und die fichtenbewachsenen Berge schützen das himmlische Kind. Unbekümmert haben da unsere Schnitzer Heiliges und Heimatliches zusammengestellt. Sie wollen damit sagen: Seht, wir haben uns das Christkind ins Erzgebirge geholt, und nun ist es uns in unserer Heimat noch einmal geboren worden! Ja, jedes Jahr wird hier bei uns der Heiland in erzgebirgisch-deutscher Wesensart neu geboren. Hofrat Seyffert, der mit liebender Hand die erzgebirgische Volkskunst betreut, nennt diese Werke "in Holz geschnitzte Volkslieder". Und damit hat er recht. —


Möge fromme Liebe zu Glauben und Volkstum in allen erweckt werden, die erzgebirgische Weihnachtsschnitzkunst schauen!

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 2 v. 7. Januar 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 2, 7. Januar 1934, S. 7

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