Vom Flachsbau. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Vom Flachsbau.

Von Oberlehrer i. R. R. E. Langer.

(Schluß.)
3 Arbeiter beim Flachsbrechen.
Bereits in Nr. 28/1928 veröffentlichten wir einen Artikel über das Flachsbrech- und Darrhaus in Dörfel, der eine kurz gefaßte Beschreibung der Flachsbearbeitung gab und veröffentlichten vorstehendes Bild, das die zur Flachsbereitung notwendigen "Maschinen" sehen läßt.
Bei dem Schwätzen müssen natürlich auch die lieben Nachbarn und Nächsten mit ihren Schwächen und Fehlern herhalten. Ist diese Arbeit vollendet, so liegt der Flachs in parallelen Zeilen schön sauber gebreitet auf dem Acker.

Wenn er nach einiger Zeit genügend trocken geworden ist, wird er zu großen Packen, "Busen" nennt man sie, gebunden und in die Scheune zum "Riffeln" gefahren. In den Wänden der Scheunentenne wird ein Querbalken befestigt. In ihm sind mehrere "Riffelhändchen" eingeschlagen. Ein Riffelhändchen ist eine Art Kamm aus Eisen mit langen Zähnen oder Zinken, die nach oben gerichtet sind. Zwischen diesen Zinken werden die Flachsstengel hindurchgezogen, wobei die Samenkapseln (Knotten) abgerissen werden und herabfallen. Auch diese Arbeit ist eine recht mühselige und langwierige. Denn Handvoll auf Handvoll — "Hamvel", volkstümlich genannt — muß die große Menge des aufgehäuften Flachses durch die Riffel gezogen werden. Der Lein, der aus den Knotten gewonnen wird, bringt dem Landwirt immerhin ein Sümmchen, doch den Hauptgewinn erwartet er von der Flachsfaser.

Man könnte meinen, nun wäre das wertvolle landwirtschaftliche Erzeugnis verkaufsfertig. Weit gefehlt. Das ist erst die Hälfte der Flachsbehandlung, wohlgemerkt, wie es bei dem Betrieb vor mehr als einem halben Jahrhundert war.

Der geriffelte Flachs wird wieder hinauf auf das Feld zum Bleichen, zum Rösten gebracht. Auf die abgeernteten Getreidefelder wird er in Reihenzeilen aufgebreitet, und zwar ganz dünn, so daß fast die halbe Gutsfläche dazu gebraucht wird. Hier liegt er nun wochenlang, Regen und Sonnenschein und dem herbstlichen Tau ausgesetzt. Dabei geht allmählich seine braune Farbe in eine grauliche über, und das Mark im Stempel wird mürbe und brüchig. Wenn sich bei einer Probe das Mark beim Reiben zwischen den Fingern leicht von der Faser löst, hat der Flachs "satt", d. h. er ist genügend gebleicht. Nun muß er baldigst unter Dach und Fach gebracht werden. Nicht selten kommt es vor, daß Regenwetter eintritt und das Einheimsen unmöglich macht. Dann "kriegt der Flachs zu viel" (nämlich an Bleiche) und die Faser wird weiß und wergig. Der "satte" Flachs wird in kleine Bündel zusammengerafft und mit ein paar Strohhalmen zusammengebunden. Dieses Bündeln ist notwendig für die nachherige Behandlung im Brechhaus. Zehn Bündel zusammen ergeben einen Busen, der mit einem Strohband gebunden wird.

Nun ist es so weit, daß das "Brechen" folgen kann. Als der Flachsbau noch ganz im kleinen betrieben wurde, brechte der Bauer seinen Flachs in der eigenen Behausung. Das ging aber nicht mehr, als es sich zeigte, daß im Flachsbau dein nicht zu unterschätzender Nutzen zu erzielen sei und infolgedessen die Pflege dieser Nutzpflanze großen Umfang annahm. Da entstand das Brechhaus. Heute sind die Brechhäuser, wie schon gesagt, aus den Gemarkungen der Dörfer verschwunden. Ein solches Gebäude bestand aus den 4 Umfassungsmauern, dem Dach und einer Quermauer, durch die der Innenraum in zwei Teile geteilt war, die Dörrstube und die Brechstube. Die Dörrstube hatte eine niedrige Decke, während unten ein aus Ziegeln und Lehm gebauter mächtiger Ofen stand. Das unansehnliche Haus stand den größten Teil des Jahres leer und unbenutzt, nur ein paar Monate lang diente es seinem Zweck, aber dann ging es darin auch lebhaft zu.

Ehe der Betrieb geschildert wird, seien erst noch die Geräte erwähnt, die dabei nötig waren und beim Beginn der "Saison" eingebaut wurden. An einer Wand der Brechstube standen vier oder fünf Maschinen. Einen Beinamen hatte man nicht für sie, sie hießen eben Maschinen. Nur Männer konnten sie bedienen, da ihre Handhabung große Kraft erforderte. Das waren die "Dreher". Die Maschine bestand aus zwei etwa ¾ Meter langen eisernen Walzen, angeordnet wie die Walzen der Wringmaschine, die aber auf der Oberfläche in Längsrichtung tiefe Falze hatten, abwechselnd mit hervortretenden Rippen. Falze und Rippen der beiden Walzen griffen ineinander wie Kammräder. Der übrige Raum war ausgenutzt zur Aufstellung der "Brechen". Die Flachsbreche ist eine etwa meterlange hölzerne Maschine. Man kann sie mit einer Schere vergleichen, bei der der eine, der untere Teil, auf Pfählen festgemacht ist, gegen den der obere, bewegliche Teil gedrückt wird.

Nun der Betrieb selbst. Der Bauer L. ist für heute zum "Einsetzen" bestellt. In hochbeladenem Fuder bringt er am Vormittag seinen Flachsvorrat zur Stelle. Es gilt zunächst, den ganzen Stoff in der Dörrstube unterzubringen. Hilfskräfte, vom Bauer gestellt, kriechen mit hinein in den niedrigen Raum. O je, o je, diese Hitze! Kaum, daß man atmen kann! Und doch heißt es, hier mindestens eine Stunde lang auszuhalten. Der "Dörrmann", der einzige Angestellte im Brechhaus und Leiter, bringt den Flachs in sachgemäßer Weise hier unter, die beigegebenen Helfer reichen ihm zu. Der Schweiß läuft allen in Bächen ab. "Wenn's doch bald zu Ende wär!" Es ist zum Ersticken! Endlich ist es vorbei. Nun heizt der Dörrmann den Ofen von neuem an. Große Holzscheite, kleine Baumstöcke, werden in den unersättlichen Ofenrachen geschoben. Das Heizmaterial hatte der Bauer liefern müssen. (Kohlenfeuerung kannte man noch nicht.) Tritt man dann in den Heizraum, so wirft einem die Hitze fast zurück. Der Dörrmann aber muß wiederholt hinein, muß die Glut durch neue Holzgaben erhalten und beobachten und auf der Hut sein, daß bei der Glut, die der Ofen ausströmt, die leicht brennbare Ware nicht in Feuer aufgeht. Das wäre nicht das erste Mal. Deshalb stehen überall die Brechhäuser außerhalb des Dorfes. Denn eine Nachbarschaft wäre durch sie in steter Feuersgefahr. Für die Nacht wird vom Bauer, der eben die Brechanstalt benützt, ein Begleitmann gestellt, der neben dem Dörrmann die Wache mit besorgt, damit letzterer sich in einem kleinem im Brechraum eingebauten Kämmerchen zum Schlafen niederlegen kann. Aber lange dauert seine Ruhe nicht.

Es mag wohl nachts um 1 Uhr sein, da polterts zur Türe herein. Draußen hat sich mittlerweile ein heftiges Schneegestöber erhoben. Der Wind heult um das einsame Gebäude. Die Leute, die jetzt einer nach dem andern eintreten, schütteln sich den Schnee ab. Es sind die Brecher, die um diese Zeit schon ihre Arbeit beginnen müssen; meistens Frauen. "Nä, su a Watter heit!" "Vir unere Haustür hots fei ne Windweh hiegesetzt, iech bie ball stacken gebliem!" "Mer ka kä Aag auftue, su peitscht dr Schnee ins Gesicht." So fühlt sich jedes veranlaßt, sich über das schlimme Wetter zu äußern. Der Dörrmann hat inzwischen den Flachs untersucht und ihn brechreif befunden. Nun gehts aber los! Es ist Akkordarbeit, die hier getan wird. Da heißt es, sich dazuhalten. Da gibt es kein Unterhalten, kein Ausruhen. Hört nur den Lärm! Die Maschinen razen und brausen, die Brechen klappern und ketschen. Und dieser Staub! Wie ein dichter Nebel erfüllt er den Raum und bedeckt alles mit einer Schmutzschicht. Wie sehen die Leute aus! Um die Augen und den Mund sind schwarze Schmutzringe, alles übrige im Gesicht ist mit Staub bedeckt, daß man kaum erkennen kann, wer unter dieser Staubmaske steckt. Auf den Kleidern liegt der Schmutz fingerdick. Lebe Frau Hygiene, was warst du doch vor einigen Jahrzehnten noch für eine unbekannte Dame! Der Flachsstengel wird gerädert, gedrückt und gequetscht und geschlagen und geschwungen und immer wieder geschwungen und geschlagen und gequetscht und gedrückt, bis er endlich das Mark fallen läßt.

Nun haben wir die seidenglänzende spinnbare Faser. Diese von dem Mark befreiten Bastfasern werden zunächst von den Brechern in kleinen Mengen, so viel die Hand fassen kann (Hamvel), in einem gedrehten Knoten zusammengefaßt. Sein Vorrat von solchen Hamveln wird im Nebenraum abgewogen. Der Lohn wird nämlich nach dem Gewicht der erzielten Fertigware berechnet. Von den Hamveln — bleiben wir bei dem volkstümlichen Ausdruck — werden so viel zusammengebunden, daß sie ein Gewicht von 10 Pfund ergeben. In diesen Zehnpfundbündeln wird die fertige Ware aufbewahrt.

Die ganze Brecharbeit ist zum großen Teile schon beendet, wenn der kurze Wintertag beginnt. Vor der Dörrstube wartet schon wieder ein hochgetürmter Wagen eines anderen Landwirts, und der eben geschilderte Verlauf nimmt wieder seinen Anfang.

Der fertige Flachs wird nun vom Besitzer nach Hause gefahren. Ihm winkt nun der klingende Lohn für die viele Mühe. Auch das Mark des Flachses, das sich unter den Brechen in Haufen angesammelt hat, findet seine Verwendung. Dieser Abfall, "Ennen" wird er genannt, dient als Stallstreu.

Jetzt kommt die Hauptsache, der Verkauf und Erlös. Aufkäufer haben sich im Dorfe eingestellt. Es sind in der Regel Männer aus dem Handelsvölkchen der Satzunger. Sie gehen von Hof zu Hof und sehen sich die Ware an. Es wird gefeilscht. Die Qualität kann sehr verschieden sein. Schreiber dieses hat es erlebt, daß einmal sein Vater — es war in den besten Jahren des Flachspreises — für den Zentner bester Ware 18 Taler erhielt. Das war wohl der Höchstpreis, der je gezahlt worden ist. Wenn da 15 Zentner auf dem Boden lagen, das war schon was.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 8 v. 20. Februar 1933

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 8, 19. Februar 1933, S. 1

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