Vom Flachsbau. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Vom Flachsbau.

Von Oberlehrer i. R. R. E. Langer.

Der Flachsbau wird gegenwärtig im Erzgebirge nur nebensächlich betrieben. Die Preise des Flachses sind so gedrückt, daß es sich wenig lohnt, die viele Mühe, die er bei seiner Gewinnung beansprucht, darauf zu verwenden. Zudem ist der Flachs eine Pflanze, die sehr der Gefahr des Mißratens ausgesetzt ist. Wenn jetzt der Bauer noch ein Feldstück zur Leinsaat bestimmt, so tut er es wohl mehr der Tradition zuliebe. Es gehört eben mit zu dem hergebrachten Betriebe. Was früher für eine mühevolle und umständliche Arbeit bei Erzeugung dieses wertvollen Spinnstoffes zu bewältigen war, ehe er zum Verkauf fertig war, weiß heute niemand mehr. Was man nicht mehr treibt, das fällt der Vergessenheit anheim. Für die Jungen muß es aber immer wissenswert sein, zu erfahren, was einst war, und wie es einst war, und was die Alten taten. Brechhäuser z. B., von denen in den meisten Dörfern eins oder mehrere standen, sind restlos aus dem Ortsbilde verschwunden, und wer kennt den Betrieb, wie er einst in demselben war! Es ist deshalb wohl kein unnützes Bemühen, wenn man einmal etwas aus der Erinnerung aufleben läßt über den Flachsbau in früherer Zeit, wobei Schreiber dieser Zeilen besonders die Gegend um Annaberg und Marienberg im auge hat. — Der Flachs liebt leichten Boden. Deshalb findet man ihn im Tiefland kaum. Für Düngung ist er nicht anspruchsvoll. Durch mehrmalige Vorfrucht geschwächte Äcker geben ihm noch vollauf genügend Nahrung. Erfahrene Landwirte haben beobachtet, daß in der Nähe des Waldes oder da, wo Wald gestanden hat, mag das auch Jahrzehnte her sein, der Flachs besonders gedeiht. An die Güte des Bodens macht also der Flachs wenig Anforderung, aber umsomehr verlangt er eine sorgfältige Durcharbeitung des Bodens. Die Egge wird so oft darüber geschickt, bis der Boden so zerkleinert und gereinigt ist, daß er aussieht wie dem Gärtner seine fertiggerechten Beete. An einem sonnigen und windstillen Tage bindet der Säemann seine Säeschürze um und streut den zarten Leinsamen aus. Es gehört schon eine ziemliche Uebung dazu, die kleinen, glatten, wie flüssig durch die Finger glitternden Körnchen aus der harten und schwieligen Hand gleichmäßig über den Acker zu streuen, nicht zu dünn und nicht zu dick und nicht in Streifen.

Nach wenigen Tagen geht die Saat auf. Aber mit dem fadenfeinen Flachspflänzchen erscheint auch so manches andere liebliche Pflanzenkind. Wie die nur hierherkommen? Der Boden war doch so sorgfältig gereinigt. Die Natur birgt einen ungeahnten Vorrat von Lebenskeimen in sich, die nur auf die ihnen zusagende Entwickelungsmöglichkeit warten. Bei Sonnenschein und Regen wächst alles munter empor, und jedes von den Pflänzchen will leben und beansprucht für sich Nahrung und Licht und Luft und ein Plätzchen. Das geht aber gegen den Willen des Landwirts. Für ihn hat nur das Flachspflänzchen Wert, alles andere ist ihm Unkraut. Und das muß weg.

Wir sehen daher bald auf dem Flachsacker mehrere Frauen, wie sie anhaltend gebückt am Boden zupfen. Sie jäten, jäten, jäten Tag um Tag.

Nun aber komm, liebe Sonne und lieber Regen, daß sich unsere Pflänzchen in eurer wohltuenden Wartung kräftigen und wachsen. Und siehe da, nach Wochen stehen sie da, die schlanken Stengel und so dicht, daß kaum ein Mäuschen dazwischen durch kann, und hoch fast bis zu Meterlänge.

Aber jetzt, was für ein herrlicher Anblick: der Flachs blüht. Ein lichtes, prachtvolles Himmelsblau über dem ganzen Feld. Das Herz des Landmanns freut sich – und bangt doch auch. Er denkt daran, wie leicht seine Freude und Hoffnung zerstört werden kann. Kommt nämlich ein starker Gewitterregen, so wird der Flachs zu Boden gedrückt. Der Flachsstengel hat nicht wie der Getreidehalm widerstandgebende Knoten und kann sich daher gegen strömenden Regen nicht halten und auch, einmal zum Lie4gen gekommen, nicht wieder aufrichten. Die aus solchem gelagerten Flachs gewonnene Faser hat viel an Wert eingebüßt, da sie an Gewicht und an Qualität verliert. Bös ist auch, wenn in der ersten Zeit der Entwicklung andauernd trockenes und heißes Wetter ist. Dann bleiben die Stengel sehr kurz oder er "brennt" gar aus. — Hat der Flachs ausgeblüht und färben sich seine Samenkapseln — der Bauer nennt sie Knotten — braun, dann ist die Zeit des "Raufens" da. Das Flachsraufen kann der Bauer mit seinen Leuten nicht allein bewältigen. Da wird eine Anzahl Frauen "ausgerichtet". Es ist eine beliebte Arbeit, und manche bieten sich zum Mithelfen an. "Wenn bei Eich 's Flachsrafen lusgieht, iech mach fei a mit, sot mersch när!" In einer Reihe von 8 und mehr Mann sieht man sie dem Flachsfelde zu Leibe gehen. Mancher fällt wohl das ungewohnte dauernde Gebücktsein schwer, aber es gibt kein langes Sichhochrichten; es gilt mit in der Reihe bleiben. Aber man merkt nicht, daß die Arbeit schwer fällt. Wenn die Hände unausgesetzt tätig sind, brauchen auch die Mäuler nicht stille zu stehen. Es sind ja lauter Frauen. Ist das ein Erzählen und Witzereißen, ein Gelache und Gezeter!

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 7 v. 13. Februar 1933

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 7, 12. Februar 1933, S. 1

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