Von den alten Kirchen des Obererzgebirges (12. Fortsetzung) - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Von den alten Kirchen des Obererzgebirges (12. Fortsetzung)

1929 > 1929-26

Hermannsdorf mit Dörfel

Die Kirche von Hermannsdorf


Die Kirche von Hermannsdorf
vor ihrem Umbau im Jahre 1842. Nach rechts anschließend die 1836 erbaute Mädchenschule mit dem Holzgiebel, ganz rechts das Pfarrhaus von 1737. Vor der Kirche ein Teil des Gottesackers. Im Vordergrund die Dorfstraße.

Hermannsdorf, vor 700 Jahren von dem Meißner Burggraf Hermann I. gegründet und damit eine der ältesten Siedlungen des oberen Erzgebirges mit, gehörte mit dem benachbarten Dörfel zur alten Herrschaft Belberg (Pöhlberg) mit der Burg Wildeck. Diese Herrschaft Belberg (etymologisch unrichtig auch „Balberg“ genannt) bildete vom 13. Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert hinein nicht nur eine politische, sondern auch eine kirchliche Einheit. Es gehörten hierzu neben Rugkerswalde (= Rütgerswalde, Kleinrückerswalde), dem Hauptsitz dieser alten Kirchfahrt, die Dörfer Witztorff (von den Hussiten zerstört), Fronauwe (Frohnau), Girsdorf (Geyersdorf), Tannenberg (halb), daz dorffichin (Dörfel) und Hermannsdorf. Letztere beiden Orte kamen im Jahre 1308 zum Kloster Grünhain, sowohl territorial als auch kirchlich.

In diesem Jahre bauten Grünhainer Zisternienzermönche eine Kapelle. Diese soll unterhalb der jetzigen Kirche ungefähr dort gestanden haben, wo sich das 5. Gut dorfaufwärts befindet. 1429 im Hussitenkriege verwand diese Kapelle und die Hermannsdorfer und Dörfler erbauten dann weiter oben ein Kirchlein, wie es bis zum Jahre 1842 nach verschiedenen Umbauten bestand.

Von der Kapelle ist noch bekannt, daß diese dem Erzengel Michael geweiht gewesen war, man hat jedoch nichts darüber finden können, daß die spätere Kirche hierauf Michaeliskirche genannt worden sei.

Mit einem Kostenaufwande von 20.000 Mark wurde alsdann das aus vorreformatorischer Zeit stammende Gotteshaus vollständig renoviert. Die äußere Gestalt wurde nahezu unverändert gelassen, so daß die gegenwärtige Kirche noch ein getreues Abbild der alten ist. Sie ist 20 m lang, 10 m breit und 8 m hoch, hat einen Dachreiterturm, Holzdecke, einschiffigen Kirchenraum ohne besondere architektur, zwei rundum laufende Emporen. Einen reicheren Schmuck trägt der breite Altar mit übergebauter Kanzel im Stile des Empire. Der Haupteingang befindet sich in der Mitte der südlichen Längsseite, ein zweiter hinter dem Altar. 1850 wurde die Kirche mit steinernen Platten belegt und 1864 ein neues Geläute beschafft. Die mittlere Glocke ist ein Geschenk der Familie Hecht. 1906 versah man das Gotteshaus mit Niederdruckdampfheizung.

An wertvollen Kirchenkleinodien sind zu nennen: ein kunstvoll gearbeiteter Abendmahlskelch, zu dem der Pachtmüller Georg Süß in Dörfel im Jahre 1667 eine Stiftung von 16 Gulden gemacht hatte. Eine Altarbekleidung aus rotem Damast vermachte die Familie des ehemaligen Ortspfarrers Seltmann, eine solche von weißem Leinen mit Gold- und Silberstickerei schenkte im Jahre 1908 das Brautpaar Ilgen-Pöttrich. Frau Johanne Eleonore Weichold stiftete 1860 der Kirche und den Ortsarmen 700 Taler und die Jungfrau Auguste Müller 1889 hierzu 300 Taler.

Die erste Kirchenvisitation für Hermannsdorf und Dörfel, von welcher die Akten berichten, fand im Jahre 1673 statt. Es wurde dabei u.a. verordnet, „daß bei Kindtauffen ohne unterschied nur eine mahlzeit gegeben werden soll“. Im Übertretungsfalle soll der Kindesvater mit 5 Taler und jeder Gast mit 2 Taler oder 8 Tage Gefängnis bestraft werden. auch sollen Pfarrer und Gerichte nicht gestatten, daß außer den ordentlichen Schulen noch Neben- und Winkelschulen gehalten werden, „bei straff 10 Thl., der sich dessen unternimmt“.

Die Kirchschule wurde 1792, die zweite oder sogenannte Mädchenschule 1836 erbaut. Bis 1811 gingen die Kinder aus Dörfel mit nach Hermannsdorf zur Schule, in welchem Jahre Dörfel ein eigenes Schulwesen begründete und 1892 dann ein neues Schulhaus anstelle des alten bisherigen Häuschens in Benutzung nahm. Der beiden Orte gemeinsamer Friedhof befindet sich bei der Kirche; er wurde 1890 nach Nordosten zu erweitert.

Das geräumige Pfarrhaus, ein großes Gut mit Landbesitz, von einer alten Mauer umgeben, ist im Jahre 1737 erbaut worden; 1890 wurde anstelle des Stalles eine Konfirmandenstube in das Hauptgebäude eingebaut.

*

Schwere Zeiten brachten der Kirchgemeinde die Pest-, Kriegs- und Teuerungsjahre. So wurden 1599 109 Personen aus Hermannsdorf und Dörfel von der Pest dahingerafft, 1632 und 1633 im 30jährigen Kriege starben 96, 1639 und 1640 sogar 190 Männer und Frauen aus den beiden Orten. Am 3. und 4. Oktober 1813 wurde das Kirchspiel von feindlichen Truppen geplündert, wobei das Kirchensiegel sowie wertvolle heilige Gefäße davongeschleppt worden waren.

*

Der Sage nach soll der eingangs erwähnte Burggraf Hermann I. ein Raubritter gewesen sein, der auf der südlich vom Singerstein gelegenen Erzberg oder Erzknochen genannten Anhöhe (Sommerstein) eine Burg besessen haben soll.

*

Hermannsdorf liegt auf dem linken Ufer der Zschopau und senkt sich von dem 712 m hochgelegenen Hundrück bis zu 530 m hinab ins Tal, während Dörfel auf dem rechten Flußufer sich über bis auf 630 m hinauf erhebt. Die Parochie Hermannsdorf-Dörfel grenzt im Norden an Geyer und Tannenberg, im Osten an frohnau, im Süden an Schlettau und Scheibenberg und im Westen an Elterlein. Nach Einführung der Reformation kam das Kirchspiel vom Klosterbezirk Grünhain nacheinander an das Amt zu Geyer und Scheibenberg, schließlich an das Gerichtsamt, Bergamt sowie an den Amtshauptmannschafts- und Superintendentenbezirk Annaberg.

(Die Artikelserie wird fortgesetzt.)


Nr. 26  v. 30. Juni 1929



zurück

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 26, 30. Juni 1929, S. 5

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü