Von der alten Annaberger Stadtpolizei. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Von der alten Annaberger Stadtpolizei.

1927 > Nr. 22/1927
(Fortsetzung und Schluß.)

Des Nachtwächters Pflicht war es, Störung der nächtlichen Ruhe und Diebstahl zu verhüten, auf etwa ausbrechendes Feuer zu achten und endlich die Stunden abzurufen. Es geschah dies mit dem bekannten Verschen:

"Hört, ihr Leute, laßt euch sagen:
Der Seiger hat zehn geschlagen!
Bewahrt das Feuer und auch das Licht,
Daß niemand kein Schade geschieht —
Und lobet Gott den Herrn!"

Auch hatte der Nachtwächter die Aufgabe, die Wachsamkeit des Türmers durch Anrufen nach bestimmten Pausen zu kontrollieren. Bekanntlich gehörten zum Nachtwächter auch Spieß und Horn. Das Institut der Nachtwächter wurde hier am 31. März 1882 aufgehoben. Einer der letzten aber, der als "Original" geltende "alte Reichel", betrieb noch Jahrelang die "Nachtwächterei" auf eigene Faust weiter, indem er die Bäcker und auf Bestellung solche Leute weckte, die frühzeitig verreisen wollten; bei dieser Gelegenheit "revidierte" er auch die noch offenen Kneipen, was ihm manches Glas Freibier einbrachte.
Annaberger Kommunalgardisten
Annaberger Kommunalgardisten.
(Nach einer uns aus Familienbesitz zur Verfügung gestellten Photographie.)
Mitunter genügten aber die Nachtwächter allein nicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit, dann traten die Stadtknechte in helfende Tätigkeit. Natürlich war das Leben der Gesetzeswächter voll Plackerei und Gefahr.

Von anderen Wächtern seien noch erwähnt der Turmwächter (Türmer), welcher sich — wie erwähnt mit den Nachtwächtern in die Feuerwache teilte, und die Torwächter, auch Stadtsoldaten genannt, die die Fremdenpolizei besorgten und die Stadttore schlossen. Die Türmer waren früher zumeist auch Stadtpfeifer.

Die Aufsicht bei Hochzeiten hatte der Platzmeister. Die Gerichtsdiener verrichteten gelegentlich auch Polizeidienste, wenigstens besorgten sie Verhaftungen. Sie hießen Fronboten, Fronknechte, Büttel, Stadt- und Gerichtsfron. Im allgemeinen waren die Pflichten der Stadtwächter: Visitation der Bierhäuser nach der Polizeistunde, acht zu haben auf Müßiggänger, auf Feuersgefahr, häuslichen Zank und vorsichtigen Einlaß Fremder nach Torschluß, Verwehrung des "Schreiens und Jauchzens, Paukens, Pfeifens und anders Ungeheuers" auf den Gassen, Aufsicht auf verbotenes Spielen, Hilfe bei Verhaftungen auf dem Lande, Gegenwart bei Tortur, Versorgung der Aufträge an den Scharfrichter.

Zeitweilig finden wir erwähnt, daß der Rat die große und einflußreiche Schützengesellschaft mit zur Unterstützung der Polizei heranzuziehen weiß. Lange Zeit wachten im 17. Jahrhundert einige ihrer Mitglieder mit für die Ruhe der Stadt. Die Schützen standen unter einem vom Rate der Stadt bestätigten Hauptmann. Später traten an ihre Stelle (besonders bei unruhigen Zeiten, Jahrmärkten usw.) die Bürgerwehr oder — wie sie früher auf gut deutsch hieß — Kommunalgarde.

Endlich sei noch erwähnt, daß auch die Viertelsmeister (bis zur Einführung der allgemeinen Städteordnung im Jahre 1832), die Vertrauensmänner der Bürgerschaft und ihre Fürsprecher gegenüber irgendwelchen Übergriffen des Rates, eine gewisse allgemeine Aufsicht über Tun und Treiben der Bürgerschaft in ihrem Stadtviertel ausübten.

Zuletzt noch ein Wort über das Polizeigefängnis (bis 1871 auch der Gerichtsbehörde als Arresthaus dienend) in alter Zeit.

Wer polizeilichen Anordnungen zuwiderhandelte oder den Beamten Widerstand leistete, ward, wenn die Umstände es erforderten, in das Stadtgefängnis geschafft, welches allgemein als "Bürgergehorsam" oder schlechthin "Gehorsam" bezeichnet wurde. In den ältesten Zeiten der Stadt befand es sich dort, wo früher das (jetzt zugebaute) Tuchmachergäßchen hinter den Häusern 1 und 3 der Kleinen Kirchgasse war; später — wahrscheinlich nach dem großen Stadtbrande vom 19. November 1630 — wurde es in den nach der Marktgasse zu gelegenen Teil des Rathauses (und zwar in den Keller — für Schwerverbrecher —, das Erdgeschoß und 1. Obergeschoß) verlegt, woselbst es sich bis zum Bau des Amtsgerichts-Arresthauses im Jahre 1871 befand. Amtlich hieß es die Fronfeste, im Volksmunde aber die "Büttelei", woher auch die frühere Bezeichnung der Marktgasse als "Bütteleigasse" herrührt. — Es ließe sich noch viel von der Alt-Annaberger Stadtpolizei erzählen, doch seien weitere Einzelheiten für später aufgespart.
—m—

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 22 v. 5. Juni 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 22, 5. Juni 1927, S. 2

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