Von der alten Annaberger Stadtpolizei. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Von der alten Annaberger Stadtpolizei.

1927 > Nr. 21/1927
Es ist unterhaltend, zu sehen, wie aus kleinen bescheidenen Anfängen heraus wohldisziplinierte Einrichtungen der Gegenwart sich entwickelt haben. Eine solche kulturgeschichtliche Betrachtung hat auch erziehliche Bedeutung in staatsbürgerlicher Hinsicht. Wir sind von vornherein zu viel geneigt, an den Einrichtungen unserer Zeit die Mängel zu tadeln, welche wir öfters empfinden. Die Wohltaten nehmen wir als etwas Selbstverständliches hin, für das man nicht zu danken braucht. Ein Blick in die Vergangenheit wird wenigstens auf vielen Lebensgebieten genügen, uns mit den Mängeln der Gegenwart auszusöhnen. In diesem Sinne mögen die folgenden Beiträge zur Geschichte einiger gemeinnütziger Anstalten in unserer Vaterstadt hier Platz finden. Chroniken und Urkunden liefern den Stoff dazu.
Scharfenstein um 1870
Scharfenstein um 1870.
Die Einrichtung einer städtischen Gemeindeverfassung war von jeher von einer landesherrlichen Bewilligung abhängig (Stadtprivilegium vom 28. Oktober 1497). Mit dieser war dann die Einsetzung einer städtischen, aus der Bürgerschaft selbst gewählten Obrigkeit unzertrennlich verbunden.

Diesem Rate der Stadt mußte die Ausübung der Polizeigewalt naturgemäß zufallen, doch teilt er sie anfangs noch mit dem landesherrlichen (herzoglichen) Vogt. Der landesherrliche Charakter des Vogtamtes verlor sich bald; es ward 1503 städtisch. Die richterlichen Befugnisse desselben übernahm der Stadtrichter an der Spitze der Schöppen. Die Befugnis zu polizeilichen Anordnungen finden wir später (seit 1509) ganz in den Händen des Bürgermeisters und der Ratsmannen. Darüber behält natürlich der Landesherr das Recht, Landespolizeiordnungen zu erlassen, nach denen sich dann die Stadträte wieder zu richten hatten. Der Bürgermeister war bei seinen Amtsgängen stets von drei Ratsdienern begleitet, während dem Stadtrichter zwei rotgekleidete Büttel folgten.

Die Polizeigesetze erschienen zumeist unter dem Namen von Ratsordnungen. Mit dem Aufblühen des Bergbaues am Anfange des 16. Jahrhunderts hatte auch Üppigkeit und Schwelgerei hier einen bedenklichen Grad erreicht. Wir sehen den Rat durch scharfe Verordnungen gegen diese Gebrechen der Zeit ankämpfen (1549). Zu ungebührlichem Aufwand und Prassen gaben alle Familienfestlichkeiten Anlaß: Hochzeiten, Kindtaufen, der erste Ausgang der Wöchnerin, dann auch die Begräbnisse. Auch pflegte die Wöchnerin den sie besuchenden Frauen große Schmausereien zu geben. Dagegen sind eine große Anzahl von Verordnungen gerichtet. Die Anzahl der Tische und Einzuladenden wurde festgesetzt und die Teilnahme von Zupfgästen verboten. Auch die Zahl der Gänge, Tanz und Spiel waren Gegenstand stadtväterlicher Fürsorge.

Nicht weniger war der Kleiderluxus unablässig zu bekämpfen. Die engen Spitzschuhe, welche eine periodisch wiederkehrende Modekrankheit zu sein scheinen, waren schon früher allen Vernünftigen ein Ärgernis. Nicht weniger versuchte man der Entweihung des Sonntags entgegenzutreten (1683 ... "Demnach wie bishero vermercket, daß etzliche unbesonnene Leuthe die Feyer- und Sonntage schlecht in acht genommen, undt solche entheiliget, auch darneben sich Gotteslästern, fluchen, schwehren, Seegensprechen, Meineydts sowohl injurien, schenden und schmehen, doppeln, spielen und Faullentzens, Rauben [Raufen?] und dergleichen sich gelüsten lassen" usw.).

"Frühschoppen", damals auch Frühörte genannt, werden nicht nur im 20. Jahrhundert als der Jugend verderblich beklagt, sondern auch die Obrigkeit des 16. Jahrhunderts suchte ihnen zu steuern. Die Polizeistunde war in der Regel auf 9 oder 10 Uhr festgesetzt; erst im 19. Jahrhundert wurden dem nächtlichen Kneipenleben weitere Grenzen zugebilligt. Gegen Zechen und Spielen, Überteuerung der Gäste seitens einzelner Schankwirte, sowie Ausschreitungen in der Trunkenheit sind ebenfalls eine Anzahl Verordnungen seitens des Rates erlassen worden.

Das Waffentragen findet sich nicht allzuhäufig verboten. Man wollte sich meist nicht daran wagen, dem waffenfrohen Germanen hier sein altes Recht zu verkümmern. Nur gegen besonders mörderische Waffen oder bei besonderen Vorfällen wurden einige Verbote erlassen. Um 1600 trugen auch Handwerksgesellen den Degen, im 17. und 18. Jahrhundert gingen Angehörige der höheren Stände immer mit Mantel und Degen, um 1700 durften auch Sachwalter vor Gericht denselben umhaben. Der Rat verbot 1683 "auch denen Schülern auf der lateinischen Schule das Degentragen".

Mit Straßenunfug aller Art, ruhestörenden Lärm, Zank und Gewalttat hatte besonders der Nachtwächter zu kämpfen. Daß bis Ende des 18. Jahrhunderts in Annaberg keine regelmäßige Straßenbeleuchtung bestand, mußte die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Dunkelheit natürlich bedeutend erschweren. Als allgemeines Gebot galt, daß niemand des Winters nach 8, des Sommers nach 9 Uhr ohne Laterne oder Windlicht die Straße betreten soll — bei Strafe der Büttelei! —

Genaue Vorschriften enthalten schon die ältesten Ratsordnungen (z. B. von 1505) über Bierbrauen und Bierschank; frühzeitig machten sich auch Verhaltungsmaßregeln bei Feuersgefahr (1530 infolge des ersten Großbrandes von 1529) nötig — allerhand Vorkehrungen gegen dieselbe wurden nach und nach empfohlen. Dagegen dauerte es länger, bis man sich im Anschluß daran zu baupolizeilichen Maßnahmen entschloß.

Von Anfang an sind Ratsordnungen über Kauf und Verkauf, Maß, Gewicht und Preise auf dem Markte vorhanden. Das Marktrecht war ja eines der ältesten und wichtigsten Privilegien der Stadt. Schon aus dem Jahre 1518 haben wir eine besondere Marktordnung. Zahlreich und eingehend auf das Kleinste sind die Einzelverordnungen über den Betrieb und Verkauf bei jedem Gewerbe. — Dienstbotenverordnungen finden wir nicht vor dem Jahre 1612, wo die Löhne für Arbeiter und Gesinde festgesetzt wurden.

Wichtig waren die Bestimmungen über die Fremdenpolizei: Es wurde den Bürgern verboten, ohne des Rates Vorwissen einen Hausgenossen anzunehmen oder Fremde zu beherbergen. Die genaue Vorschrift, daß alle ankommenden Fremden von den Gastgebern durch einzusendende Zettel angemeldet werden sollten, wurde 1571 infolge der Pestgefahr zuerst von Kurfürst August gegeben.

Die Beschäftigung der Polizei mit der Bettelei stammt erst aus späterer Zeit. Vor der Reformation konnte ein richtiges Urteil über das Verwerfliche der Bettelei nicht aufkommen, solange noch die Mönche ein Privilegium dazu hatten und ihnen zu spenden für hochverdienstlich galt. Doch stiftete hier schon 1526 die Bürgerschaft ein "Almosen" zu Ehren des heil. Lorenz, dem 1553 die Kurfürst-Moritz-Stiftung, das "reiche Almosen" genannt, folgte. Von einer Anstellung besonderer Bettelvögte verlautet nichts Bestimmtes. —

Die Bekanntmachung der einzelnen Ratserlasse erfolgte in frühester Zeit nach der Stadtgründung, aber auch später noch, durch Ausruf auf öffentlichem Markt (beim "Röhrkasten" oder "Wasserhäusel") oder nach Beendigung des Gottesdienstes vor den Kirchentüren oder auch durch Verlesung in Vwersammlungen der Bürgerschaft. Der Ausrufer bediente sich zur Erregung der nötigen Aufmerksamkeit einer sinnbildlich gewordenen Glocke, deren wahrscheinlich letzte noch im Altertumsmuseum zu sehen ist. Später wurden die Bekanntmachungen — geschrieben oder gedruckt — am Rathause und an den Stadttoren angeschlagen, bis endlich die Veröffentlichung im "Annaberger Wochenblatt" (seit 1807) Platz greift. —
Wenden wir uns nun zu den Beamten, welche zur Ausführung polizeilicher Verfügungen, zur Überwachung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der Stadt berufen waren.

Der am häufigsten genannte und wohl zugleich älteste Vertreter der Exekutive ist der Nachtwächter. In der Hand dieses Beamten, dessen Name in der Neuzeit einen lächerlichen Beiklang bekommen hat, ruhte dereinst die ganze öffentliche Sicherheit der Stadt. Er war allein das "wachende Auge des Gesetzes".

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 21 v. 29. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 21, 29. Mai 1927, S. 1

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