Von der Außenwelt abgeschnitten. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Schneekatastrophe im Obererzgebirge vor 40 Jahren.

Den Klagen, daß es keinen richtigen handfesten Winter gibt, und den Hinweisen, daß es früher ganz anders war, mag im Unterbewußtsein unserer älteren Generation der unheilvolle Schneesegen des Jahres 1886 zu Grunde liegen. Die Zeit hat die Erinnerungen etwas verblassen lassen, denn gerade auch vor 40 Jahren klagte man zuerst über den schlappen Wintergesellen, genau wie man es heute noch tut und vor 40 Jahren auch schon getan hatte.

Als am 11. Dezember 1886 der erste Schneefall jenes Jahres eintrat, gab unsere Zeitung der Stimmung der Annaberger Geschäftsleute dahin Ausdruck, "daß sich die erste Auflage des Schnees mindestens vervierfachen müsse, wenn die Wünsche auf ein gutes Weihnachtsgeschäft in Erfüllung gehen sollten". Eine ganze Woche hören die Klagen nicht auf. Es war wieder Tauwetter eingetreten und die Witterung so mild, daß "zur Beruhigung derer, welche glauben, daß sich die geographische Lage verrückt habe", Beispiele von abnormen Witterungsverhältnissen angeführt werden".

"Im Jahre 1427 ist ein ungewöhnlich warmer Winter gewesen. Vmb S. Niclas Tag / (6. Dezember) haben die Bäume geblüet, so daß man auch blawe Kornblumen im Felde vnd sonsten in Gärten vnd Feldern andere Blümelein gefunden; an etlichen Orten haben auch die Pfürschen-Bäume geblüet / und ist ein zuvor vnerhört Wetter gewesen / Aber im Sommer folgete auff diesen linden Winter ein großes Sterben. — Im Jahre 1537. Das Ende dieses Jahres / ist die Christnacht vnd die zwölff Nächte hernach so warm gewesen / daß die Jungfrauen auff das neue Jahr vnd H. Drey Königin Tage / von Violen / Kornblumen und Stiefmütterlein / haben Kränze getragen. — Im Jahre 1638. Der Winter dieses Jahres ist sehr warm / im November December / vnd auch den halben Januar des folgenden Jahres / sehr lieblich gewesen / hat weder gescheyet noch gefroren."
Der erste öffentliche Weihnachtsbaum im Obererzgebirge
gelangte am 15. Dezember 1926 durch den Bürgerbund-Annaberg zur Aufstellung. Der strahlende Lichterbaum bot einen ungemein reizvollen Anblick und die abendlichen musikalischen Darbietungen wurden von der Einwohnerschaft dankbar entgegengenommen, was der zahlreiche Besuch am besten zum Ausdruck brachte. — Gleichzeitig wurde vom Bürgerbund auch im Ortsteil ein "Weihnachtsbaum für alle" aufgestellt.
Der "Goldene Sonntag" (20. Dezember) brachte endlich wieder Schneefall bei gelindem Frost, so daß das Eintreffen der ersten Schlitten in Annaberg gemeldet werden konnte. Die Geschäftswelt und die Fieranten des Nikolausmarktes durften sich guter Einnahmen erfreuen. Aber der Schneefall ging ununterbrochen weiter. Dazu führte ein gewaltiger Sturm die ganze Rauheit eines echten erzgebirgischen Winters so recht zu Gemüt. "Wenn der Himmel nicht bald einhält mit seinem weißen Segen", schreibt der T. A. W.-Chronist (H d'Altona), "stecken wir über Kurzem bis über die Ohren im Schnee. Schon jetzt liegt derselbe an einzelnen Stellen meterhoch. Für Fußgänger und selbst an manchen Orten schon für die Geschirre sind viele Wege unwegsam. Dem Ruf der Geschäftsleute nach Schnee folgt nun ein: Herr, halt ein mit Deinem Segen!"

Über die sich immer weiter ausbreitende Schneekatastrophe berichtete unsere Zeitung damals:

Annaberg, 21. Dezember.
Der bedeutende Schneefall verursachte schon am gestrigen Tage auf vielen Linien der sächsischen Staatsbahnen ganz wesentliche Störungen. So werden von den Linien Chemnitz-Reichenbach und Chemnitz-Leipzig große Verspätungen gemeldet, während die gestern Abend in Chemnitz von Dresden fälligen Züge heute früh noch vergeblich bei Frankenstein in Schneewehen ihrer Weiterfahrt harrten. Die jüngste Linie Sachsens, Wilischthal-Ehrenfriedersdorf-Thum, mußte bereits heute aus gleichem Anlasse den Verkehr einstellen und der gestrige letzte von Chemnitz fällige Personenzug traf mit einer 2½ stündigen Verspätung erst zwei Uhr Nachts hier ein. Schon in Chemnitz kam derselbe 75 Minuten wegen verspäteten Eintreffens der Anschlußzüge später zum Abgang und erlitt weitere Verspätung durch die hauptsächlich zwischen Chemnitz und Flöha zu überwindenden Schneemassen. Auch der heutige erste von Chemnitz zu erwartende Personenzug wurde in Zschopau längere Zeit aufgehalten durch einen sitzengebliebenen vorausfahrenden Güterzug und kam erst 9 Uhr 28 Minuten hier an. Bis heute Nachmittag wartete man in Chemnitz vergeblich auf die Züge von Dresden und Leipzig. Bei dem fortwährenden Schneefall ist kaum zu hoffen, daß heute noch eine Post hier anlangen wird. Die Störung für die Handelswelt, welche hier seit gestern Nachmittag keine Briefe etc. empfangen hat, ist natürlich eine ganz bedeutende.

Zu den durch Schneeverwehungen herbeigeführten Störungen gesellte sich heute auf unserer Flöha-Annaberger Eisenbahnlinie noch ein der Betriebsverwaltung sehr ungebetener Gast, die Entgleisung eines Güterwagens des um 9 Uhr 40 Minuten hier planmäßig einzutreffenden Güterzuges auf Bahnhof Wolkenstein. Es wurden beide Geleise auf dem Bahnhof gesperrt, wodurch sowohl der von hier nach Chemnitz abgelassene, als auch der von dort erwartete Personenzug bedeutende Verspätungen erlitt. Ebenso konnte der 11 Uhr 20 Minuten hier abzulassende Personenzug erst nach ¾ stündigem vergeblichen Warten auf den Anschluß von Chemnitz 12 Uhr 5 Min. hier abfahren.


Annaberg, 22. Dezember.
Der Schnee hat uns vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Eisenbahnzüge vermitteln den Verkehr auf keiner Linie mehr. Die Aussicht auf Ankunft des Chemnitzer Nachmittagszuges ist eine sehr geringe. Von Annaberg ist bis jetzt heute nur der 9 Uhr-Zug nach Chemnitz abgelassen, heute früh blieb die Maschine im Schnee stecken. Bis heute Mittag waren in Chemnitz — seit vorgestern Abend — keine Züge von Dresden und Leipzig angekommen. Seit gestern früh ist hier keine Post — abgesehen von der per Schlitten aus Geyer pp. beförderten — angelangt. Der Schnee liegt in den Straßen bis zu drei Meter Höhe. Die städtische Behörde ist bemüht, den Forderungen nach Wegschaffung des den Straßenverkehr hemmenden Schnees nachzukommen und sucht zu dem Zwecke Arbeiter, welche sich im Stadtbauamt zu melden haben. Es mangelt jedoch an Arbeitskräften.

Eine drastische Selbsthülfe verschaffte sich gestern Abend ein Herr, der sich mit einer Schneeschaufel bewaffnete und sich auf seinem Ausgange selbst durch Wegschaufeln des Schnees Bahn machte. Nach Lage der Sache ist zu erwarten, daß diesem Beispiel bald Andere folgen. 

Noth lehrt beten und — schaufeln. Einzelne Wege sind nicht zu passieren. wie hier sind auch die Straßen der Nachbarorte und die Chausseen im Schnee vergraben. Die Anfahrt aus der Umgegend ist darum eine geringe. Die Geschäftsleute sehen sich leider in ihren Einnahmen schwer geschädigt, auch das Geschäft des Großkaufmanes erleidet durch die Stockung im Verkehr herbe Einbußen.


Chemnitz, 22. Dezember.
In Chemnitz und Umgegend ist alles verschneit.

In der Nähe des Aue-Adorfer Bahnhofes ist ein Mann verschneit. Derselbe ist noch nicht aufgefunden. — Die Straßenbahn hat des Schnees wegen den Betrieb eingestellt. Der Verkehr auf dem Weihnachtsmarkt ist wie erstorben.

Freiberg, 22. Dezember.
Des riesigen Schneefalles wegen sind die Schulen hier geschlossen; Beerdigungen können nicht stattfinden.


Chemnitz, 22. Dezember.
Der Hauptbahnhof verschneit.

Nachdem gestern Abend ½ 10 Uhr von der Annaberger Linie ein Extrazug, bestehend aus zwei Maschinen und zwei Packwagen, von denen der eine mit 40 Passagieren besetzt war, sich durch den Schnee mit Mühe und Noth bis hierher durchgekämpft hatte, war der Verkehr nach allen Richtungen auf der Nordseite des Bahnhofes eingestellt. Auf der Südseite wurde um Mitternacht noch ein Zug in der Richtung nach Glauchau abgelassen. Er sollte trotz seiner zwei Maschinen mit fünf Wagen nicht weit kommen. Vor Hohenstein gebot ihm der Schnee energisch Halt. Gegen Morgen arbeitete er sich endlich bis Hohenstein durch, zwei Wagen mußte er aber entgleist im Schnee zurücklassen. Als dieser Zug vom hiesigen Bahnhof fort war, trat auch auf der Südseite desselben Ruhe ein. Alle zehn Linien waren zu. Auf dem Bahnhof selbst sah es traurig genug aus. Alle Gleise tief mit Schnee bedeckt. Die Maschinenhäuser zugeweht. Nach und nach arbeiteten sich die Maschinen aber doch heraus. Es wurden sofort Schneezüge arrangiert, die den Schnee aus dem Bahnhofe schafften. Sechs Züge verkehren ununterbrochen. An Arbeitern fehlt es nicht, alles greift zu. Über 500 Mann arbeiten an der Schneebeseitigung, und trotzdem wurden bis gegen Abend nur die Hauptgleise frei. Die Nebengleise sind noch zu. An ein Rangiren der Güterwagen ist nicht zu denken. Nachmittags ½ 2 Uhr gelang es, von Glauchau her einen Extrazug hier einzubringen. Ein Gleis ist fahrbar bis Zwickau. Es wird nunmehr wenigstens der Betrieb bis Zwickau offen gehalten. Darüber hinaus kann der Verkehr vor morgen früh nicht eröffnet werden. Zwickau-Hof ist noch gesperrt. Zwickau-Aue, Adorf-Eger-Oelsnitz, wahrscheinlich auch Oelsnitz-Plauen werden morgen früh frei. Eger-Hof ist offen. Auf der Linie Chemnitz-Aue-Adorf werden die Züge von morgen früh ab wieder verkehren können, nachdem die drei Züge, welche bei Lößnitz auf der Strecke lagen, heute Nachmittag flott geworden sind. Der gestern Abend hier fällige Personenzug traf von dort erst heute Abend ½ 8 Uhr ein.

Station Annaberg ließ früh 9 Uhr 12 Minuten einen Personenzug ab. Er durchbrach mit zwei Maschinen die mächtigen Schneewehen bei Hilbersdorf und kam ½ 3 Uhr hier an. Damit ist der Betrieb auf der Annaberger Linie wieder eröffnet. Von Mittweida traf 1/6 6 Uhr Abends der seit vorgestern noch fehlende Riesaer Personenzug mit 15 Berliner Anschlußpassagieren ein. Zwischen hier und Mittweida wird der Betrieb vorläufig eingleisig wieder aufgenommen; hinter Mittweida sind beide Gleise noch unfahrbar. Station Hainichen schickte heute Abend noch einen Personenzug herein, bis dahin verkehren wieder Züge, darüber hinaus noch nicht. Die Strecke Leipzig-Gößnitz ist eingleisig frei, ebenso Leipzig-Wurzen. Die Sekundärbahn Wilischthal-Ehrenfriedersdorf und Hainsberg-Kipsdorf lassen ihre Züge wieder verkehren. An der Freimachung der übrigen Linien wird mit allen Kräften gearbeitet, zum Theil mit Hülfe von Militär.


Annaberg, 23. Dezember.
So ist es denn seit gestern Nachmittag durch den andauernden Schneefall, welcher verflossene Nacht sich in einen Schneesturm verwandelte, dahin gekommen, daß die meisten Linien des sächs. Eisenbahnnetzes den Verkehr theils vollständig oder doch theilweise einstellen mußten. Es werden totale Verwehungen von den Hauptlinien Reichenbach-Hof, Reichenbach-Eger gemeldet, während die bereits gestern als unfahrbar bezeichneten Linien Chemnitz-Riesa, Chemnitz-Dresden und Chemnitz-Leipzig ebenso wie die diversen Nebenlinien auch heute den Verkehr noch nicht wieder aufnehmen konnten. Auch unsere Chemnitz-Annaberger Linie, welche sich seit einer Reihe von Jahren von derartigen Störungen freigehalten, mußte diesmal unterliegen. Gestern Abend konnten die beiden letzten von Chemnitz nach hier abzulassenden Personenzüge nur als combinirter Zug verkehren und traf derselbe mit 2 Maschinen 10 Uhr 5 Minuten hier ein. Der 5 Uhr nach Weipert fällige Zug mußte ebenso wie der 9 Uhr 12 Minuten nach Chemnitz abzufertigende Zug ganz ausfallen. Heute früh war an den Abgang der ersten Züge hier gar nicht zu denken.

Der Bahnhof war so total verweht, wie es hier noch nie der Fall gewesen. Es war unmöglich, die Lokomotiven nur aus dem Maschinenhause fahren zu lassen. Von Chemnitz wurde bereits früh gemeldet, daß der ab dort nach hier abzulassende erste Zug ausfallen müßte. Erst nach mehrstündiger angestrengter Arbeit konnten unter Heranziehung genügender Hilfskräfte die Hauptgeleise und Weichen so weit frei gemacht werden, daß um 9 Uhr 15 Minuten der erste Zug nach Chemnitz abfahren konnte. Seine Fracht scheint aber eine äußerst schwierige gewesen zu sein, denn nach mehrmaligen Steckenbleiben zwischen Wilischthal und Zschopau und zwischen Hennersdorf und Erdmannsdorf traf derselbe erst gegen 2 Uhr Nachmittags in Flöha ein und setzte seine Fahrt nach Chemnitz fort. Seit dieser ersten Fahrt ruht auf der ganzen Linie Alles. Nach Weipert ist bis auf Weiteres gar keine Aussicht auf Wiederaufnahme des Verkehrs.


Leipzig, 23. Dezember.
Der Schneefall hat aufgehört, der Bahnbetrieb ist theilweise eröffnet, während der völlige Verkehr vielleicht morgen hergestellt wird. — Die Bahnlinien von Berlin nach Leipzig und Dresden über Zossen sind gegenwärtig offen. Über Leipzig und Dresden hinaus ist der Verkehr noch gesperrt. Die Züge auf der Thüringer Linie und der Anhalter Bahn über Halle verkehren bis Erfurt.


Riesa, 23. Dezember.
Der Verkehr von hier ist auf einem Gleise frei nach Leipzig und Dresden, ferner bis Döbeln und Röderau. Die Linie Elsterwerda-Berlin ist gesperrt, ebenso die Linie Lommatzsch-Nossen. Nach Chemnitz ist die Bahn über Döbeln-Hainichen-Roßwein offen. Von Dresden kam heute Nachmittag ein Extraschiff mit Postsachen. Auf den offenen Linien ist der Verkehr nicht fahrplanmäßig möglich. Die Verbindung mit der Umgebung ist äußerst erschwert, theilweise ganz unmöglich. An einzelnen Stellen liegen haushohe Wehen. Der Paketverkehr auf der Post ist noch sistirt. Die Temperatur war gestern und heute mild, seit heute Mittag haben wir starken Westwind mit Schneetreiben. Neue Störungen sind leicht möglich.


Annaberg, 24. Dezember.
Die Elemente haben sich noch nicht beruhigt.

Eine freundliche lächelnde Weihnachtssonne hatte heute Vormittag sogar zeitweilig um die prächtige Winterlandschaft den Strahlenmantel geschlagen. Dann aber, gegen Mittag fiel neuer Schnee. Die Luft ist lau, die Aussichten für das Schlittenvergnügen in den Festtagen sind noch günstig, hoffentlich versteigt sich der linde Charakter der Witterung nicht bis zum Thauwetter, da in dem Falle uns der Winter das Weihnachtsvergnügen der Schlittenpartien stören würde, wie er manchem einen Strich durch die Weihnachtsgeschäftsrechnung gemacht hat. Bis zum Schluß der Redaktion waren die über Leipzig und Dresden und von da kommenden Posten — also seit Montag — nicht eingetroffen.

Die Störung in Handel und Wandel ist eine empfindliche. Die Enttäuschung nach Eintreffen jedes Chemnitzer Zuges ist eine große. Die eingegangenen Nachrichten ließen darauf schließen, daß die Bahnlinien seit gestern Nachmittag passirbar sind, und so durfte mit einer gewissen Berechtigung dem Eintreffen der Posten entgegengesehen werden. Nun, "Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden", wenn die Gelder, Pakete und Briefe denn auch diesmal post festum kommen, um so größer wird die Freude sein, daß sie überhaupt noch eintrafen.

In den Straßen der Stadt, deren einige durch seitens der Stadt angestellte Arbeiter von den verkehrshemmenden Schneemassen befreit werden, wird allmählich wieder die Passage gewonnen. Leider reichen die wenigen zur Verfügung stehenden Arbeiter nicht aus, den Schnee zu beseitigen. Die Bahn absobirt so viel Arbeiter für ihre Schneearbeiten, daß für die Stadtarbeiten wenig zu finden sind. An der Annaberg-Weiperter Bahn nahmen die 300 engagirten Arbeiter die Schaufel erst zur Hand, nachdem ihnen der höhere Tageslohn von 2 Mark zugesichert war. Auch die Landstraßen werden zum Fest meistens fahrbar.


Halle, 26. Dezember.
Die Mansfelder Bergwerksbahn ist total verschneit, jede Kommunikation und Zufuhr von Cokes zwischen den einzelnen Werken hat aufgehört. Aber auch ganze Werke sind so verschneit, daß der Betrieb ganz eingestellt werden mußte, so daß 6000—7000 Mann feiern.


Annaberg, 27. Dezember.
Nach dem wilden Aufruhr der Winterelemente brachten die Feiertage uns ein herrliches Winterwetter, dessen Lockung zu Schlittenpartien recht viele Folge leisteten. Beide Festtage sahen das gesamte Beamtenpersonal der Post in angestrengtester Tätigkeit. Galt es doch, die bis zum Nachmittag des Freitag vom Schnee zurückgehaltenen Postsendungen, die nun in einer ungeheueren Sündfluth über die Postanstalten hereinbrachen, an die Adressaten abzuliefern, sodaß unsere Postbeamten von oben herab bis zum letzten Hülfsausträger mit einem anerkennenswerthen Eifer bestrebt waren, durch schleunige Expedition der anlangenden Sendungen das wieder gut zu machen, was der Schnee an der Weihnachtsfreude verdorben hatte. Ein heftiger Sturm, der noch jetzt das Szepter führt, scheint wieder, wie die Verspätung einiger Eisenbahnzüge zeigt, etwas lähmend auf den kaum freigewordenen Verkehr einzuwirken. Auf die Bahnstrecken, welche bis zum ersten Feiertage sämtlich vom Schnee befreit waren, mag der Sturm wieder etlichen Schnee geweht haben. Die Kamalität im Verkehr ist jedoch im wesentlichen gehoben, so groß sie auch war. In den Packereien größerer Postanstalten hatten sich die Pakete zu unglaublichen Haufen angesammelt, so daß in Leipzig keine Pakete mehr angenommen wurden. Besonders stark war die Inanspruchnahme des Telegraphen, welcher zum Theil den brieflichen Verkehr besorgen mußte und überall mit einer Exaktheit arbeitete, die so recht den Werth des elektrischen Drahtes dem Publikum vor Augen führte. Noch immer treffen Nachrichten über Unglücksfälle infolge des heftigen Schneefalles ein. Nach den bisherigen Mittheilungen sind allein in Sachsen 50 Personen im Schnee erfroren. Die Einbuße des Weihnachtsgeschäftes stellt sich an manchen Stellen so bedeutend dar, daß eine längere Zeit dazu gehören wird, den Schaden vergessen zu machen.

Der seit voriger Nacht herrschende Sturmwind hat auch unsere Annaberg-Weiperter Eisenbahnlinie gezwungen, den Verkehr wegen totaler Schneeverwehung zwischen Cranzahl und Königswalde wieder einzustellen, nachdem heute früh der erste abgelassene Zug nur mit größter Anstrengung die Station Weipert auf seiner Hinfahrt erreichte. Auf der Rückfahrt mußte derselbe bei Königswalde, wo er eingeschneit festsaß, erst ausgeschaufelt werden und traf mit ½ stündiger Verspätung hier ein. Auch die Linie Niederwiesa-Hainichen hat seit heute früh aus gleichem Anlasse den Verkehr eingestellt.


Annaberg, 27. Dezember.
Von Glück im Unglück kann ein Arbeiter sprechen, welcher dieser Tage, im Begriff, das Dach eines Hotelanbaues vom Schnee zu befreien, in seinem Eifer dem Dachrand zu nahe trat und in den Hof hinabstürzte. Die Schneehaufen, auf welche er fiel, nahmen ihn jedoch so weich auf, daß der Mann mit der Schippe in der Hand und der brennenden Pfeife sich erhob und sich wieder auf das Dach begeben konnte, indem er trocken meinte: "'s ist nur gut, daß es Schnee war, und ke Rus, sonst hätt' ich mich noch erst waschen müssen!"


Annaberg, 28. Dezember.
Die Schneeverwehungen, welche seit der Nacht von Sonntag auf gestern herrschen, machen eine Wiederaufnahme des fahrplanmäßigen Verkehrs der Eisenbahnzüge unmöglich. Gestern blieben wieder verschiedene Züge im Schnee stecken, so daß auf vielen Linien Verspätungen eintraten und einzelne ausfallen müssen. Einzelne Strecken, z. B. Frankenberg-Hainichen, sind unpassirbar, ebenso Annaberg-Weipert, Nossen-Freiberg. Bei längerer Dauer des Unwetters ist eine Wiederholung der kaum überwundenen Kalamität im Verkehr nicht ausgeschlossen. Der Schneefall der letzten Tage hat, abgesehen von der schweren Beeinträchtigung, die er mittelbar und unmittelbar jeder gewerblichen Thätigkeit und vor allem Dingen dem Handel und Wandel gebracht hat, ein Schaden, der sich in Ziffern nie auch nur annähernd wird schätzen lassen, nämlich auch den Aufwand außerordentlich bedeutender Summen nothwendig gemacht, um die Bahnlinien und öffentlichen Straßen wieder fahr- und gangbar zu machen. Der Schaden wird gerade hier in unserem Sachsen besonders groß sein, weil der Schnee fast gleichmäßig in allen Theilen des Landes gefallen ist und kein Land der Erde ein so tüchtiges Eisenbahn- und Straßennetz hat, als gerade unser liebes Vaterland Sachsen. Der Staat unterhält neben den Gemeinden dermalen über 3700 km öffentliche Wege, hiervon nahezu 3000 km Kunststraßen.

Pöhlbergstraße im Winter.
(Photo Studienrat Langer-Annaberg)


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 53 v. 31. Dezember 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 53, 31. Dezember 1926, S. 1

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