Das Waldweibchen in Steinbach. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Waldweibchen in Steinbach.

Diese Sage stammt aus dem Jahre 1633. In den Wäldern um Steinbach und Grumbach bei Jöhstadt soll das Waldweibchen in früheren Jahrhunderten anzutreffen gewesen sein. Es ist auch in die Stuben der Dorfbewohner gekommen und hat ihnen beim Spinnen geholfen, ohne jede Bezahlung. Nur das Essen habe man ihm dafür geben müssen.
Gib mir die Axt und ein Stück Brot,
Ich komm heut spät nach Haus;
Muß Bäume fälln im tiefen Wald
Und sie noch ästen aus.

Muß sehn, daß ich den Gulden für
Den Pachtzins noch verdien;
Sonst müssen ob des Pächters Gier
Wir aus dem Hause ziehn.

Der Holzknecht Adam Bayer zieht
Hinauf zum Fichtenwald;
Und gar zu lange dauerts nicht,
Daß seine Axt erschallt.

Die Späne fliegen in das Gras
Und mancher Riese stürzt,
Der gestern noch gereckt das Haupt
Und heute tot schon ist.

Dem armen Holzknecht rinnt der Schweiß,
Er hält ein bißchen Rast;
Zur fernen Hütte geht sein Sinn,
Die Not ist drinn zu Gast.

Und kannst den Zins Du zahlen nicht,
Der Pächter gestern sprach,
Dann treib ich Dich mit Weib und Kind
Hinaus ins Ungemach.

Wo soll den Zins ich nehmen her,
Habt Mitleid einmal hier;
Mein Weib ist schon so lange krank,
Zwei Kinder starben mir.
Was schert mich Deines Hauses Not,
Der harte Pächter spricht;
Zahlst Du nicht morgen, bring ich Dich
Hinauf zum Stadtgericht.

Das kommt dem Holzknecht in den Sinn,
Und ächzend steht er auf;
Er nimmt die Axt, dem nächsten Baum
Schlägt er das Kreuz darauf.

Doch kaum, daß er nach alter Art
Das Kreuze schlug hinein,
Da kommt durch wilden Forst gehetzt
Das alte Waldweiblein.

O, laß mich steht an diesem Baum,
Hier bin ich sicher nur;
Es jagt der schwarze Teufelsfürst
Wohl heut auf meiner Spur.

Und eh der Holzknecht noch ein Wort
Darauf erwidern kann,
Da brauset durch den Wald daher
Das teuflische Gespann.

Ein gellend Haßgelächter klingt,
Des Teufels Macht zerbricht,
Da an des Kreuzes Zeichen sich
Die Fraue aufgericht.

Das lohn Dir Gott, das Weibchen spricht,
Daß just zur rechten Zeit
Das Kreuze in den Baum Du schlugst,
Das mich allein befreit.
Drauf sammelt in den Korb sie ihm
Die Späne schnell hinein,
Und ist verschwunden tief im Wald;
Der Holzknecht blieb allein.

Der Alte lacht und wirft die Spän
Wohl in das Gras zurück;
Was sollen nur die Späne mir,
Ich nehm ein Klafterstück.

Noch manche Stunde scholl die Axt
Durch hohen Wald hinein;
Und erst am späten Abend kehrt
Der Holzknecht müde heim.

Doch als den Korb er nun entleert,
Er an der einen Wand,
Wo ein verborgen Spänlein hing,
Ein blankes Goldstück fand.

Da stürzt in wilder Hast der Mann
Zum Walde schnell hinaus,
Und sammelt alle Späne auf;
Kein Goldstück ward daraus.

Hab ich  das Glück mir heut verscherzt,
So sollt es halt nicht sein;
Das Goldstück hier befreit mich ja
Von allerärgster Pein. — — —

Das ist die alte Sage, die
In Steinbachs Wäldern geht;
Doch niemand hat seit dieser Zeit
Das Waldweiblein erspäht.

Georg Schäfer.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 35, 27. August 1933, S. 1

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