Das Wegewesen in früherer Zeit. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Wegewesen in früherer Zeit.

1934 > 1934-25

Von Dr. Adalbert Zehrer.

Wege bilden sich naturgemäß, sobald Menschen ein Gebiet betreten und sich ansiedeln. Es entstehen allmählich zwangsläufig bestimmte Pfade, die sich durch wiederholte und regelmäßige Begehung im Laufe der Zeit als solche ausprägen. Diese Art der Entstehung von Pfaden läßt sich auch im Tierreich beobachten. Auch heute bilden sich bisweilen noch neue Wege, vor allem auf Wiesengrundstücken; einer oder einzelne werden dabei stets Pioniere sein, in deren Fußtapfen die Nachfolgenden dann schreiten. Zuerst ist es nur eine schmale Fußspur, bald aber ein breiter Pfad, der schließlich allgemein üblich wird, da man hier "abschneidet".

Um schnell ans Ziel zu kommen, war man zu allen Zeiten darauf bedacht, den kürzesten Weg zu nehmen. So erstrebte man ursprünglich - und da im besonderen Maße - möglichst gerade und damit kurze Wege-Verbindungen, ungeachtet der Steigungs-Verhältnisse, was jedoch nicht ausschließt, daß hier und da auch Einbuchtungen und Geländeabfälle berücksichtigt wurden. Im allgemeinen aber bevorzugte man die Höhen und mied ängstlich sumpfige Gründe und Talweitungen. Die Wege schnitten die Täler daher meist senkrecht, folgten sie ihnen aber doch, zogen sie sich fast stets am Talgehänge aufwärts, die Talsohle nach Möglichkeit meidend. Die ältesten Straßen sind immer die natürlichsten, aber auch die kürzesten, wie uns die Wahrnehmung bekundet. Ein treffliches Beispiel bietet uns die alte Straße von Chemnitz über Burkhardtsdorf, Thum, Ehrenfriedersdorf und Schönfeld nach Annaberg und von hier weiter über den "Kühberg", "Schloß Stein", Pleyl und den Preßnitzer Paß hinab nach Kaaden. Dieser Weg, der freilich hier und da in einigen Abweichungen verläuft, birgt die typischen Merkmale in sich, die alten Wegen eigentümlich sind.

Nun hat sich der Verkehr in früheren Jahrhunderten durchaus nicht immer in denselben Bahnen vollzogen. Innerhalb der Hauptrichtung herrschte in dieser Hinsicht gerade in frühester Zeit ziemliche Willkür, und es gab meist mehr oder weniger große Abweichungen. Glaubte ein Fuhrmann, daß er anderer Stelle das Gelände besser überwinden könne, verließ er die gewohnte Straße und fuhr seinen eigenen Weg. Andere Fuhrleute mögen ihm dann gefolgt sein. Mancher alte Weg ist damit vielleicht für immer verlassen worden, und heute wird seine ehemalige Bedeutung infolge seiner allmählichen Rückbildung bis zum Feldrain und selbst zur bloßen Grenzlinie selten noch vermutet.

Die Wege waren früher ungebaut und machten alle Unebenheiten der Erdoberfläche mit (was heute noch bei Landwegen ersichtlich ist). Meist befanden sich die alten, verhältnismäßig viel benutzten Wege, je nachdem ob lehmiger, sandiger oder steiniger Boden zugrunde lag, in einem entsprechend schlechten Zustande, wobei auch die Witterung großen Einfluß ausübte. Die Wege waren bisweilen derart ausgefahren, daß auf ihnen kaum fortzukommen war. Daher fuhr man - sofern es die Umstände erlaubten - nicht selten daneben hin; dadurch verschoben sich die Wege im Laufe der Zeit nach der einen oder anderen Seite. Die alte Bahn ist dann nach und nach überwachsen oder dem Pfluge des Landmannes zum Opfer gefallen. Der Verlauf der ältesten Wege ist somit fast gänzlich verwischt, nur an bestimmten Stellen, wo ein Verlassen der alten Spur nicht möglich war, bildeten sich tief eingefurchte Hohlwege, die uns noch heute - oft seitabgelegen und erfüllt von Baum und Strauchwerk - kenntlich sind. Sie entstanden mit der Zeit durch die Reibung der Räder und vieles Bremsen (Hohlwege sind fast immer abschüssig!), wodurch das Erdreich mehr und mehr gelockert wurde, das der Regen dann fortspülte. An manchen Stellen zeichnen sich heute noch deutlich die Wagenspuren in Gestalt von "Gleisen" ab. Auch finden sich manchmal hier und da streckenweise im Walde tiefe Eingrabungen, oft jedoch halb verschüttet, die in gewissen Fällen den ursprünglichen Verlauf eines vielleicht ehemals wichtigen Weges vermuten lassen.

Der Fahrverkehr auf den alten Landstraßen beschränkte sich bis über das Mittelalter hinaus fast ausschließlich auf Frachtwagen. Wer ehedem eine Reise vornehmen mußte - viele waren es nicht -, reiste am besten zu Pferd oder, wenn er sich das nicht leisten konnte, zu Fuß ("fahrender" Gesell). Das Fahren im Wagen war damals wegen der schlechten Wege geradezu unerträglich. Der Zustand der alten Wege erlaubte weder große Tagesreisen noch große Frachtwagen, erforderte dagegen viel Pferde und Menschen zur Fortschaffung verhältnismäßig kleiner Lasten. Bei nassem Wetter waren nicht selten bis zu 15 Pferde für einen einzigen Frachtwagen nötig. Die Rastplätze, die Obdach, Verpflegung und Ausbesserungsmöglichkeiten boten, mußten möglichst bis Sonnenuntergang erreicht werden können, denn wenn der Abend kam, waren Mensch und Tier infolge der außergewöhnlichen Anstrengungen, die der Frachtverkehr der Landstraße unter den damaligen Verhältnissen bedingte, sehr der Ruhe bedürftig, auch war das Fahren im Dunkeln bei den Wegen früher und wegen mancherlei anderer Gefahren so gut wie unmöglich. Die Rastplätze lagen daher ziemlich nahe beieinander, zu ihnen gehörte neben anderen auch Annaberg, wo sich einst ein seiner Verkehrsbedeutung entsprechendes reges Fuhrmannsleben abgespielt hat.

(Schluß folgt.)

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 25 v. 17. Juni 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 25, 17. Juni 1934, S. 1

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