Weihnachten in Bethlehem. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Weihnachten in Bethlehem.

Die Gedanken und Herzen der Menschen sind beim Weihnachtsfest nach der Geburtskirche in Bethlehem gerichtet, wo sich das Wunder der göttlichen Geburt begab, die wir feiern. Aber ein Weihnachten, an dieser Stätte verbracht, würde die größte Enttäuschung bereiten. "Während wir uns Bethlehem als den Mittelpunkt des Friedens auf Erden und des Wohlgefallens unter den Menschen vorstellen", so schildert PolsonNevman das Weihnachtsfest in Bethlehem, "gibt es wahrscheinlich keinen Fleck in der ganzen christlichen Welt, wo diese Feier durch drohende Menschenmassen und bewaffnete Wachen mehr gestört wird. Die Geburtskirche, die wohl die authentische Stelle der Geburt Christi darstellt, sieht mehr wie eine düstere Festung, denn als eine christliche Kirche aus. Die dicken Mauern mit den kleinen, vergitterten Fenstern, die einen schlecht gepflasterten Hof umgebeb, scheinen eher eine Strafanstalt als eine heilige Stätte des Friedens zu umschließen. Der einzige Zugang ist ein schmales Loch in der dicken Mauer, so niedrig, daß man sich beim Hindurchschlüpfen bücken muß. Keine Kuppel, kein turm macht die Kirche weithin sichtbar; nur eine Glocke ist in recht unschöner Form eingebaut. Am Weihnachtsabend strömen große Massen aus Jerusalem und den umliegenden Dörfern herbei, um an der Mitternachtsmesse teilzunehmen, die in dem römisch-katholischen Teil der Kirche abgehalten wird; der eine Teil des Gebäudes ist nämlich für die Griechen und Armenier bestimmt, die ihr Weihnachtsfest an einem anderen Datum feiern. Das Innere der Kirche, das mehr einer gedeckten Markthalle mit dicken Pfeilern und hohen Steinplatten ähnelt, macht einen kalten und stimmungslosen Eindruck. Eine aufgeregte Menge drängt sich in den Bau, stößt sich und kämpft um die Plätze, während in den Seitenschiffen die Bajonette von Soldaten aufleuchten, die bereitstehen, um jeden Streit zu verhindern. Der religiöse Gegensatz ist so stark, daß es schon zur Erregung eines Aufruhrs genügen würde, wenn ein griechischer oder armenischer Geistlicher seinen Fuß auf einen Teppich setzt, der zu dem römisch-katholischen Teil der Kirche gehört, und umgekehrt. So eifersüchtig ist jede Kirche auf den ihr gehörenden Teil, daß selbst die Teppiche, die an den Grenzlinien hängen, befestigt sind, damit sie nicht etwa auf das fremde Gebiet hinüberflattern. Um Mitternacht geht eine Prozession nach der "Krippen-Kapelle", in die man über zwei enge, dunkle Treppen hernübersteigt; es ist eine kleine, lampenerhellte Krypta, in der der berühmte "Stern von Bethlehem" die Stelle bezeichnen soll, an der Christus geboren wurde. In einer Ausbuchtung der Mauer steht ein Altar, der allen drei Kirchen gemeinsam ist; aber auch hier, an dem heiligsten Ort der Christenheit, steht Tag und Nacht eine Schildwache, um den religiösen Frieden zu bewahren. Nahe dabei befindet sich die Stelle, auf der die Krippe gestanden haben soll. Aber diese selbst befindet sich in der Kirche Santa Maria Maggiore zu Rom. Erst wenn man nach dem Gottesdienst hinaustritt in das einsame Hügelland von Judäa, wo die Schäfer mit ihren Herden lagern, findet man sich von jener Weihestimmung umflossen, die über die erste Weihnacht ausgegossen war."
—ck.


Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 52, 26. Dezember 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 52, 26. Dezember 1926, S. 5

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