Eine wenig bekannte 5. Glocke der St. Annenkirche in Annaberg - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Eine wenig bekannte 5. Glocke der St. Annenkirche in Annaberg

1929 > 1929-29

Annaberg i. Erzgebirge (Photo: A. Meiche-Annaberg.)

Die älteste Betglocke im Ephorienbezirk

Wenn man an den geehrten Leser die Frage stellen würde, wieviel Glocken unsere St. Annenkirche zu Annaberg hat, so käme gewiß wohl als Antwort, was man noch von der Schule her weiß, nämlich: „Die Annaberger Hauptkirche hat 4 Glocken: 3 auf dem Glockenboden (die große, mittlere und kleine Glocke) sowie die Häuerglocke ganz oben in der Turmhaube.

Dem ist jedoch nicht so. Das Gotteshaus der Pöhlbergstadt hat 5 Glocken, und zwar noch das alte Betglöcklein, das 322 Jahre schon überdauert hat und wohl als älteste Glocke im ganzen Annaberger Bezirk anzusprechen ist. Dieses Glöcklein hat einen ungemein kulturhistorischen und heimatgeschichtlichen Wert. Man bedenke, diese Betglocke stammt aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg und ist auch in den sonstigen späteren Kriegs- und Brandnöten glücklich hindurchgekommen. Auch bei dem letzten großen Turmbrande vom 7. März 1813 entging das Glöcklein dem Feuertode und Absturz, denen damals die übrigen alten Glocken von 1604 bzw. 1613 anheimfielen. Seine Errettung verdankte es seinem geschützten Aufhängeort in dem kleinen östlichen Dachreitertürmchen auf dem Kirchendach nach dem oberen Kirchplatz und der Volksschule 1 zu, wo es sich auch gegenwärtig wieder seit 1926 befindet, ohne daß die weitere Öffentlichkeit davon Kenntnis hat.

Daß diese Glocke so wenig bekannt und auch in den Chroniken und altedn Kirchenbeschreibungen nicht erwähnt ist, liegt daran, daß sie nicht zum Rufen der Gemeinde bzw. zum Läuten diente, sondern nur zum Anschlagen der Zeichen für den Türmer, wenn dieser die sogenannten „Pulse“ zu schlagen hatte, also jene dumpfen Glockenschläge während des Gebets. Auch das Ein- und Ausläuten des Gottesdienstes hatte das Betglöcklein dem Türmer zu vermitteln. Solchen Dienst versah es von 1607 bis 1894, seit welchem Jahre eine elektrische Klingelanlage die Signale hinauf in die Türmerwohnung gibt. Der Jochschwengel des Betglöckleins war durch einen Drahtzug nur so weit angezogen worden, daß infolge der erfolgenden Schräglage der Klöppel die Glocke an einer Stelle berührt und einen hellen Ton erzeugte. Die jeweiligen Anschläge wurden vom Türmer genau beobachtet, der nun seinerseits wiederum auf der großen Glocke zum Beten anschlug. Durch den fast 300jährigen Gebrauch war das Glöcklein stark angeschlagen.

Nach seiner Außerdienststellung vom Jahre 1894 ab hing es noch einige Jahre dann verlassen in dem erwähnten Dachreitertürmchen. Da mit der Länge der Zeit und durch die Witterungseinflüsse das Balkenwerk und insbesondere das Glockenjoch morsch geworden war, so nahm man eines schönen Tages das Glöcklein ab, dessen Absturz man ständig befürchtete. 287 Jahre lang hatte es seinen Dienst getreulich verrichtet und mit frohem Schlag gemeldet, daß die Gemeinde zum Beten bereit sei. Viele Jahre hatte man sich dann nicht um sie gekümmert, ja, nun wurde sie sogar herabgeholt aus ihrem luftigen Sitz, wo die Dohlen ihre täglichen Gäste gewesen waren. Der Türmer schleppte die 20 Pfund schwere Glocke alsdann hinauf in seine Wohnung und lagerte sie in seinem Alkoven. Durch den inzwischen ausgebrochenen Weltkrieg geriet sie vollends in Vergessenheit und entging hierdurch der Beschlagnahme als Kriegsmaterial, zumal der Türmer zum Militär eingezogen wurde. Durch diese gütige Schicksalsfügung war das Betglöcklein wiederum wunderbar errettet worden. Gelegentlich der umfassenden Erneuerung der St. Annenkirche in den letzten Jahren wurde man wieder auf dasselbe aufmerksam und hing es pietätvoll 1926 dort wieder auf, wo sein luftiger Ort von 1607 an rund 300 Jahre hindurch gewesen war, eben in jenem Dachreitertürmchen.

Das so interessante Glöcklein hat unten einen Durchmesser von 31 Zentimetern und oben am Ring von 17 Zentimeter. Ohne Henkel ist die Höhe 24 Zentimeter. Das Gewicht beträgt 10 Kilogramm. Auf 2 Zentimeter hohen erhabenen Schruftzeichen steht ringsum außen an der Glocke:

„LORENTZ * HENTEL - VON * ZWICKAU - 1607“.


Sie ist also i. J. 1607 durch Lorenz Hentel in Zwickau nach dem großen Stadtbrande vom 27. April 1604, wo auch der Kirchturm mit in Flammen stand und die Glocken hinabstürzten, gegossen worden. Es wird dies am gleichen 16. November 1607 gewesen sein, als man eine mittlere und kleine Glocke zum Glockenstuhl hinaufzog, während eine 48 Zentner schwere große Glocke erst am 23. Juni 1614, also 10 Jahre nach dem Brande, auf den Turm kam. Auch eine „Häuer- oder Elfglocke“ war 1607 anstelle der 1604 im Feuer zerschmolzenen von 1501 bzw. 1559 mit aufgehangen worden.

Bei dem zweiten großen Turmbrande von 1813 wurden alle 4 Turmglocken zerstört; das Betglöcklein aber blieb erhalten, weil die Kirche selbst gerettet wurde. Am 24. Oktober 1814 kam alsdann ein neues Geläute von der Glockengießerei Otto in Dresden in Annaberg in feierlicher Einholung an und wurde zum Reformationsfest 1814 zum ersten Male eingeläutet, nachdem man 20 Monate den Glockenschlag entbehrt hatte.

Die 58 Zentner schwere große Glocke, die mittlere (30 ¼ Zentner) und die kleine (13 Zentner) Glocke hängen heute noch nach 115 Jahren auf dem Turm der St. Annenkirche. Wegen ihres historischen Wertes wurden sie im Weltkrieg für „unabkömmlich“ erklärt. Nur die Häuerglocke wurde herabgenommen und abgeliefert, nach dem Kriege aber durch eine neue ersetzt.

Es ist also das Betglöcklein noch die einzige ihrer Art aus der Zeit vor dem 30jährigen Kriege. Wenn es nun auf der einen Seite erfreulich ist, daß diese Glocke uns erhalten geblieben ist, so ist es doch auf der anderen Seite zu bedauern, daß dieses ortsgeschichtliche Denkmal nicht im Erzgebirgs- und Altertumsmuseum oder in der Sakristei sich befindet.


Nr. 29  v. 21. Juli 1929



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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 29, 21. Juli 1929, S. 1

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