Wer kennt seine Heimat genau? - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt
Menü

Wer kennt seine Heimat genau?

1927 > Nr. 8/1927
Wie kam das???
Denkmal Georgs des Bärtigen?
Denkmal Barabara Uthmanns?
Georg der Bärtige trug sich schon lange — etwa von dem Zeitpunkte ab, wo Bahls Restaurant einging und er des Zweifels: "ob Bahls oder Bock's Restaurant" enthoben wurde — mit dem Gedanken, sich einen neuen Platz auszusuchen, der ihm neue Aufgaben stellt. Und als im vergangenen Jahre Barbara Uttmann zur Revue in's Stadt-Theater ging, nahm er die Gelegenheit wahr, sich mit ihr zu einigen, die Plätze einmal zu wechseln. Barbara war es recht. Sie hatte schon lange über nasse Füße zu klagen und über freche Jungens, die ihr aufgeweichtes Papier auf das kostbare Klöppelmuster geworfen hatten, und so kam ihr Georgs Vorschlag sehr gelegen, um so mehr, als sie dann etwas mehr Grün um sich haben würde. In einer Faschingsnacht ging der Platzwechsel vor sich. Georg der Bärtige staunte nicht schlecht über die Neueinrichtung des Rathauses, von der er von seinem Postament aus gerade noch einen Blick erhaschen konnte. Die Freude dauerte aber nicht lange. Beim Morgengrauen bemerkte die hohe Polizei den Verstoß gegen die jahrelange Ordnung und veranlaßte sofort die Rückbeförderung der beiden Stadtgrößen an ihre alten Plätze. Zum Glück gelang es uns gerade noch zwei Aufnahmen zu machen, die wir unseren Lesern nun im Bilde vorführen können, ehe Fastnacht vorbeigegangen ist, so daß es war, ehe es wurde.
Wo war das?
Erläuterungen zu dem Bilde in letzter Nummer.

Unser Bild Nr. 66 zeigt das Gasthaus "Zur Einkehr" in Mildenau, Haus Nr. 217. Das Haus steht auf der Ostseite des Dorfes an der nach Arnsfeld führenden Staatsstraße, von der sich vor dem Hause ein Feldweg nach Mauersberg abzweigt. Die für den Beschauer auf dem Bilde links stehenden, nur teilweise sichtbaren Gebäude gehören dem Gutsbesitzer R. Uhlig. Sie sind im Jahre 1873 erbaut worden, nachdem das alte Gut durch Blitzschlag eingeäschert worden war. Das alte Gut besaß um 1843 Karl Heinrich Ullmann. Nach dessen Tode bewirtschaftete es Ullmanns Witwe, Karoline geb. Reuther, die als Stifterin des großen Kronleuchters der Mildenauer Kirche bei der Kirchgemeinde noch in gutem Andenken steht. Nach ihrem Abscheiden wurde das Gut von G. Uhlig gekauft. Das zu dem Gute gehörige Backhaus kaufte der Pferdehändler Karl Wilhelm, der es zum Wohnhaus ausbauen ließ. Als das Anwesen 1871 einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen war, erbaute Karl Müller das Haus so, wie es jetzt auf dem Bilde zu sehen ist, und eröffnete darin eine Gastwirtschaft "Müllers Restaurant".

Am 16. Dezember 1882 starb Karl Müller. Sein Sohn Karl Louis Müller übernahm den väterlichen Besitz und führte Gastwirtschaft und Pferdehandel bis zu seinem Tode weiter. 1892 ging nun das Haus in den Besitz des Knopffabrikanten Eduard Neubert über, der es "Gasthaus zur Eintracht" benannte und 20 Jahre bewirtschaftete. Sein Nachfolger war Richard Neubert, dessen Bewirtschaftung in die schwere Kriegszeit fiel. Gegenwärtig besitzt es Martin Neubert, der außer Gastwirtschaft noch Spedition betreibt. In dem freundlichen, angenehm ausgestatteten Gastzimmer hängt ein interessantes, großes Bild vom Jahre 1852, ein vierspänniges Flachsfuhrwerk aus der Blütezeit des hiesigen Flachsbaues, als der Flachs auf großen Planwagen nach Bayern gefahren wurde.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 8 v. 27. Februar 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 8, 27. Februar 1927, S. 5

Zurück zum Seiteninhalt