Wolkenstein vor 100 Jahren. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Wolkenstein vor 100 Jahren.

1927 > Nr. 13/1927
Wolkenstein um 1815
Ansicht von Wolkenstein nach einem alten Kupferstich im Besitze des Ratsarchives Annaberg.
Nur spärlich sind die Aufzeichnungen aus dieser Zeit. Ist doch selten eine Stadt von so vielen und solchen verheerenden Bränden heimgesucht worden, wie Wolkenstein. Die Gründe hierfür sind leicht zu erkennen in der gedrängten Bauweise einerseits, steht doch der Bautätigkeit hierorts nur eine beschränkte, ebene Plattform zur Verfügung, und in der Höhenlage andererseits, die einen einmal ausgebrochenen Brand unter der Einwirkung des Höhenwinds bald zum Flammenmeer sich auswirken lassen wird, wenn er nicht durch außerordentliche Wachsamkeit und Löschanstrengungen bald im Keime erstickt wird. Der letzte derartige größere Brand wütete am 20. Mai 1802, bei welchem der ganze Markt, Rathaus, Diakonat und Schulgebäude, zusammen 105 Häuser, 12 Hintergebäude und 6 Scheunen niederbrannten. Es ist klar, daß es mehrere Jahre bedurfte, ehe sich Wolkenstein von diesem schweren Schicksalsschlag erholen konnte. Dazu kam das Kriegsjahr 1813, wo die Stadt abermals durch Requisitionen, Kontributionen und einquartierung französischer, wie auch österreichischer, russischer und preußischer Truppen stark zu leiden hatte und hierdurch für die Folgezeit mit hohen Schulden belastet wurde. So weit — heißt es in einem Schreiben vom 12. Oktober 1816 — war die Bürgerschaft finanziell ruiniert, daß "fast kein Bürger mehr brauen, kein Bäcker mehr backen, kein Fleischer mehr schlachten und kein Gastwirt mehr gastieren konnte". Es ist fast als ein Wunder anzusehen, daß die Stadt sich so bald erholt hat. Aber es ist kein Wunder, wenn in dieser Zeit des Wiederaufbaus selten einer die Muße fand, die Geschicke der Stadt zu beschreiben oder gar das Leben der Einwohner im Bild darzustellen.

Unser heute veröffentlichtes Bild jedoch stammt aus der Zeit unmittelbar nach 1813. Freilich erkennt auch der nicht historisch Gebildete sofort, daß die Radierung einen nur flüchtigen Eindruck wiedergeben will und mit künstlerischer Freiheit die Landschaft und das Stadtbild vor Augen stellt. Man erkennt es vor allem an der Stellung und Größe des Bärensteins im Hintergrund, sowie an der Franzenshöhe oberhalb Falkenbachs, die in Wirklichkeit sich nicht ganz so hoch nach Westen zu wölbt. Der Standpunkt des darstellenden Künstlers war etwa das jetzige äußere Leibiger-Grundstück oder die Dost'schen Felder und Wiesen bezw. das Gelände, wie es sich nach der sogenannten Schutzhütte heraufzieht. Interessant sind die vielen und hohen Türme, die damals noch mehr als jetzt das Stadtbild beeinflußten. Hat doch z. B. die Hauptkirche unter Pfarrer Bernhardt im Jahre 1884 eine gründliche Erneuerung erfahren. Damals aber, also etwa 1815, hatte der Kirchturm unterhalb der Laterne noch die ausgesprochene volle Zwiebelform, während er jetzt die sogenannte Halbzwiebel zeigt. Das Hauptgebäude oder das Langschiff der Kirche mit dem Ansatz zum Altar zeigt heute noch dasselbe Bild. Es wird ergänzt durch ein Türmchen, welches damals das Dach des Forstrentamts trug (heute Hermann Wenzel-Haus). Hinter dem Markt sieht man noch die hohen Dächer der damaligen Lohgerberei aufragen (jetzt Sanitätsrat Dr. Kay). Besonders auffallend ist der Turm, der sich in der oberen Stadt erhob, wie ja vielleicht den ältesten Einwohnern das obere Stadttor noch erinnerlich sein wird. Mauerreste in der Nähe desselben sind heute noch ganz deutlich zu erkennen, wenn man von dem Gasthaus "Goldene Sonne" nach Süden zu in die Häuserlücke zwischen dem Kurt Franz'schen Grundstück und dem Espig-Haus blickt.

Wer ein Auge für kulturhistorische Dinge hat, der wird auch die Gestalten im Vordergrund nicht ohne Interesse betrachten. Man sieht Männer und Frauen teils bei der Feldarbeit, teils in lebhafter Unterhaltung. Die "Wertherzeit" war auch an der Kleidung der kleinstädtischen Bauern nicht ohne Einfluß vorübergegangen. Der Bauer ganz vorn, der sich auf seine kurze Sense stützt, zeigt sich uns in Kniehosen und langen Stiefeln bis zum Knie; der links von ihm trägt sogar einen zylinderähnlichen Hut, wie er damals auch bei der Arbeit im Freien gern getragen wurde. Die Bäuerin aber stärkt sich durch einen kühlen Trunk. Ist es heute sicherlich bei manchen Landwirten schon die Thermosflasche, die mit hinausgenommen wird, so war es damals der dickwandige Steinkrug, wie man ihn heute höchstens noch zum Einlegen von Gurken und dergleichen verwendet.

Manche Einzelheit könnte noch hervorgehoben werden, so z. B. wie links vom Kirchturm die alten Eichen hervorlugen, die heute noch stehen, obwohl sie schon so manches Jahrhundert auf dem Schloßplatz überdauert haben. Genug — jeder Kenner Wolkensteins wird auch beim Anblick dieses schlichten alten Bildes sich des Eindrucks nicht entziehen können, den heute noch dieses Städtchen auf jeden Beschauer macht; kommt er nun, wie hier von den Höhen, die der Stadt südlich vorgelagert sind, oder sieht er sie etwa vom Pöhlberg aus, immer hat er den Eindruck: es ist ein Kleinod unter den Städten, auf dem Felsenberge stolz aufragend und doch auch wieder mitten in Berge gebettet, es ist eine Stadt, die mit ihrem Warmbad seit Jahrhunderten durch ihre geschützte Lage und ihre würzige Höhenluft, nicht zuletzt durch ihre heilkräftige Quelle schon so vielen ein wahrer Jungbrunnen geworden ist.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 13 v. 3. April 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 13, 3. April 1927, S. 1

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