Zinnbergbau im Erzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Zinnbergbau im Erzgebirge.

1929 > 1929-05

Von Dr. Siegfried Sieber, Aue

Zinn war schon zur Zeit der Hohenstaufen erzgebirgische Welthandelsware. Denn als 1240 Egerländer Siedlern am Erzgebirgsabhang bei Graupen überraschende Zinnfunde gelangen, erfolgte sogleich in England, der alten Zinninsel, ein Preissturz dieses Metalls. Vielleicht war das Zinn im Erzgebirge noch früher bekannt als das Silber. Mindestens sind Zinn und Eisen jahrhundertelang aus den Klüften unserer Berge herausgewühlt worden, aber neben dem ungeheuren Silberreichtum des Gebirges achtete man die Ausbeute an anderen Metallen gering.

Wie viel Zinnwäscher mögen die Raithalden der zinnführenden Bäche durchgesiebt haben? Der Name Seifen für Bach steht häufig auf Erzgebirgskarten. Er verrät alte Zinnfundstellen. Im Eibenstöcker Granitländchen, bei Geyer und Elterlein, bei Herold und Drebach, im Zschopau- und Müglitztal, bei Buchholz oder Marienberg, selbst im Schneeberger Filzteich lassen sich Spuren von Zinnseifen entdecken.

Das Zinnerz, zwischen Felsen eingesprengt, als heißer Dampf in Adern und Klüfte nahe dem Granit hineingehaucht, verwitterte mit seinem Muttergestein. Regenwasser schleppte feine Teilchen mit zum Talhang. Dort blieb es zwischen Lehm und Verwitterungsbröcklein liegen, bis die Seifner dem edlen Korn nachspürten. Sie leiteten Wassergräben durch die lockere Halde, hackten mit Keilhauen die zinnhaltige Erde los und ließen sie vom Gefälle mitreißen, wobei etliche standfeste Männer mit schweren Wasserstiefeln in den Fluten aushielten und mit siebenzinkigen Holzgabeln die gröberen Brocken herausfischten. Sand und leichte Rasenerde wurde vom Rauschebach schnell verschleppt, die schweren Zinnsteinchen aber sanken vor einem quergeführten Damm zu Boden, weil dort das Wasser plötzlich ruhig wurde. Und aus diesem Becken konnten sie als sogen. Zinngraupen mit eisernen Schaufeln leicht herausgeholt werden. Noch immer befand sich Sand dazwischen. Darum brachten die Seifner den Zinnstein in einen Läuterhobel, dessen zwei Rinnen aneinander stießen. Man wusch darin das Zinn mit Hilfe einer kleinen Schaufel, indem man es aus der unteren Rinne immer wieder in die obere brachte und vom Wasser durchströmen ließ. Matthesius, der erfahrene Bergprediger von St. Joachimsthal, rühmt das Seifenzinn als geschmeidig und von schönem Spiegel. Doch war die Arbeit beschwerlich und gefährlich. An einer Seife arbeitete man meist ein Vierteljahr. Überdies, so klagen die Bockauer Gerichte 1681, beschädigte die Seifenarbeit Wiesen, Mühlgräben und Röhrwässer und verunreinigte das Wasser für Mensch und Vieh.

Sehr alten Zinnbergbau hat Eibenstock gehabt. Ja vielleicht lautete einst sein Name nach dem Werkzeug der Zinnseifner Seifenstock. Von da bis zum hochragenden Auersberg kann man allenthalben im Gelände die Raithalden verfolgen und bis um 1830 waren Zinnschächte am Auersberg und seinen Nachbargipfeln in Betrieb. Die Häuslein der Sauschwemme südlich davon heißen danach, daß Seifner hier Zinn schwemmten. Wenn die Seifen sich erschöpften, ging man den Zinnkörnlein nach ins Mutterhaus und fand im Felsgeklüft den Zwitter, das Zinnerz. Freilich, jetzt ward die Zinngewinnung noch viel müheseliger. Nicht mehr 2 bis 3 Eigenlöhner, wie bei der Seifenarbeit, konnten Sommers über an den Talwänden arbeiten, sondern ganze Gewerkschaften mußten Geld zusammenschießen, nach strengem Bergrecht ein Geländestück „muten“, ehe sie eine Grube anlegen durften. Dann galt es Häuer anzuwerben, Steiger und Schichtmeister zu bezahlen, tiefe Schächte und Stolln mit Holzwerk auszuzimmern oder Künste und Pumpwerke anzulegen. Solange kapitalkräftige große Bergherren vorwärtsdrängten, Kölbel von Geising und Walzig von Bärenstein um 1450 im Altenberger Gebiet, die Handelsherren Blau aus Nürnberg in Sosa und Blauenthal, Veit Hans Schnorr und die Schneeberger Familie van Ryssel in Aue und Bockau, Timo von Koldig in der böhmischen Bergstadt Graupen oder gar die Landesfürsten, die Wettiner, da gedieh der Zinnbergbau, namentlich im 15. und 16. Jahrhundert. Die Kaiserliche Bergstadt Platten erreichte ihre höchsten Zinnausbeuten noch in den ersten Jahren des 30jährigen Krieges. Seit diesem Vernichtungskampfe hängt allenthalben das Zinnbergwerk von den ausländischen Zinnpreisen ab, bald tut es sich auf, bald verfällt es.

Während der Schneeberger Silberbergbau gerade sehr darniederlag, stieß der Oberförster Rachhals am Heidelsberg bei Aue auf wertvolle Zwittergänge, als er 1661 einen Bierkeller anlegen wollte. Sogleich ging in Aue und dem nahen Bockau ein frischfröhliches Schürfen an, und in einer eigenen Zinnhütte am Auer Floßgraben wurden die Zwitter geschmolzen. Doch blieb der Zinnbergbau meist in den Händen kleiner Gewerkschaften. Immer wieder versuchten sie ihre geringen Kräfte, gerieten oft in Neid und Streit und richteten sich zu Grunde. Mußten sie doch auch Pochwerke beschaffen, den Zwitter zu zerstampfen, Rösten zurichten, um das mit dem Zinn verschwisterte Arsen zu beseitigen, Schmelzhütten bauen, um aus dem zerkleinerten Zinnstein schimmerndes Zinn herauszuschmelzen. Mit dem Hüttenstempel gezeichnet, kam das schöne Metall an die Zinngießer in den Städten. Freiberger und Schneeberger Kunsthandwerker fertigten Humpen und Teller, Leuchter und Schalen in trefflicher Arbeit. Doch wichtiger war dem Erzgebirge, daß es mit eignem Rohstoff sein heimisches Eisen verzinnen konnte, wie dies Georg Agricola 1550 schon beschreibt. Jedes Hammerwerk hatte sein Zinnhaus, und Tausende von Platten- und Löffelschmieden verarbeiteten das Weißblech in den Gebirgsdörfern am Schwarzwasser. Außerdem gingen riesige Sendungen verzinnten Bleches über Hamburg ins Ausland.

Die reichsten Zinnbergwerke schmiegten sich an den Greifenstein und den Geising. Bereits vor 1400 Jahren war Ehrenfriedersdorf ein emsiger Zinnerort, der in manchem Jahre bis 2000 Zentner Zinn geliefert hat. Bald reihten Geyer und Thum sich an. Jahrzehnte später kam das Bergwerk zu Altenberg auf, das sich rühmt, das beste Zinn der Welt zu Tage zu bringen. Aber dort im granitischen Zwitterstockwerk weiteten habgierige Bergleute leichtsinnig die Höhlungen aus, indem sie „Feuer setzten“, d. h. mit Bränden das Erz zermürbten, um schneller als mit dem Feustel die Zwittergesteine zu lösen. Oftmals brachen Felsmassen unerwartet nach, und eines Tages, als 24 Männer allzu unvorsichtig weiterarbeiteten, bohrte sich über ihren Leichen die Binge mit entsetzlichem Dröhnen in den Erdmantel. Die Altenberger Zwitterstockgewerkschaft nützt gegenwärtig das durch jenen fürchterlichen Zusammenbruch zertrümmerte Gestein der Tiefe geschickt aus. Das nahe Zinnwald baute den tiefen Bünaustolln auf Zwitter, arbeitete aber meist mit veralteten Mitteln, holte Wasser und Erz mühsam mit Haspeln aus der Teufe und duldete es, daß die Hälfte der Bergleute abwechselnd in Feld und Wald arbeitete und dann wieder einmal anfuhr. Wiener Kapital brachte eine Zeitlang neuen Aufschwung, ähnlich wie englisches Kapital nebst englischen Maschinen und Arbeitern seit 1878 in Hengstererben bei Abertham den Mauritiusgang neu erschloß.

Im Gneis von Geyer liegt wie ein ungeheures Ei ein Stock von Granit. Von Klüften durchsetzt, verbirgt er Zinnerz, Wolfram und andere Metalle als Einsprenglinge. So reich war das Zwitterstockwerk von Geyer, daß oftmals 3 Zentner Erz 2 Zentner Zinn ergaben. Unbergmännisch und ohne Rücksicht auf die Zukunft ward der Stockscheider ausgehöhlt. Was Wunder, daß in zwei furchtbaren Einstürzen 1704 und 1803 eine Binge entstand, die wie der düstere Krater eines erloschenen Vulkans aus grüner Landschaft emporgähnt! Den beiden großartigsten Denkmalen des erzgebirgischen Bergbaues auf Zinn, den Bingen zu Altenberg und Geyer, stehen viele kleinere Stollneinbrüche zur Seite. Die Spielzeugheimat Seiffen, die noch 1804 Zinnbergbau besaß, erinnert mit einer Binge an ihre bergmännische Vergangenheit. Bei Sosa nahe dem Auersberg, ziehen etliche Bingen wie Felsenklammern dem Lauf alter Zwitterstolln nach, und bei Platten, das seit 1532 Zinnbergbau trieb und hauptsächlich im St. Wolfgangsbergwerk erstaunliche Ausbeute erzielte, ist die Wolfsbinge am Plattenberg dadurch berühmt geworden, daß sie in ihrem kühlen Rachen gewaltige Firn- und Eismassen zusammenpreßt, zierliche Eisvorhänge und feinzellige Eiszapfen aufhängt und selbst gegen heiße Sommer verteidigt.


Nr. 5 v. 3. Februar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 5, 3. Februar 1929, S. 1

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